Meier-Graefe, Julius
Pyramide und Tempel: Notizen während einer Reise nach Ägypten, Palästina, Griechenland und Stambul — Berlin, 1927

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DER STAUDAMM

lehnten die empfohlene Probenacht ab. Schacht brachte
uns Mohamed Sherkawi, den Kapitän der beiden deut-
schen Gelehrten. Seine frohe Zuversichtlichkeit gewann
uns sofort. Mohamed gehört zur Intelligenz Nubiens und
spricht sogar etwas Deutsch. Wir wurden mit ihm zu zi-
vilen Bedingungen einig. Gegen ein Pauschale übernahm
er alles hin und zurück, nebst der Anwerbung des not-
wendigen Personals. Zwiebel und lauchartige Gemüse soll-
ten bei der Kost ausgeschlossen bleiben.

Mohamed holte uns eines schönen Morgens im Hotel
ab und fuhr mit uns und unseren Sachen nach Shellal
am Staudamm, wo das tags zuvor durchgeschleuste Mo-
torboot auf uns warten sollte. Es saß noch in der letzten
Schleuse, und wir gingen den Damm hinüber. Das kostet
eine gute halbe Stunde, wenn man sich nicht auf einem der
kleinen Transportwagen, die auf Geleisen laufen, fahren
lassen will. Dieser Staudamm ist keine gewöhnliche Sache.
Er hat die Breite einer anständigen Straße und zwei Ge-
leise, eins für die besagten kleinen Wagen und ein viel
breiteres für den Kran. Er ist ganz aus Stein, und seine
schnurgerade Länge beträgt fast zwei Kilometer. Nach der
einen Seite, nach Süden, überragt er nur wenig die große
Wasserfläche; das andere Steingeländer steht in gewaltiger
Höhe über dem fast leeren Felsenbett des Nils, und das
Wasser, das die Siebe in Kaskaden durchließen, war eine
Winzigkeit neben der Ausdehnung des steinigen Fluß-
betts, das einem hingelegten und auseinandergefallenen
Riesengerippe glich. Als Material für den Bau hat man
Granit verwendet. Die Dicke nimmt nach der Tiefe stän-
dig zu wie der Pilon eines Tempels, doch hebt die Massig-
keit nicht den Eindruck des Künstlichen auf, und es bleibt
erstaunlich, daß der Damm der Wassermenge, die auf
Plünderte von Kilometern nach Nubien hinein gestaut
wird, standhält. Obwohl sicher alles doppelt und dreifach
kalkuliert ist, wird man nicht ein Unbehagen los und fühlt

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