Meier-Graefe, Julius
Pyramide und Tempel: Notizen während einer Reise nach Ägypten, Palästina, Griechenland und Stambul — Berlin, 1927

Page: 210
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/meier_graefe1927/0246
License: Public Domain Mark Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
KOM-OMBO UND EDFU

Pullmann auf einem Schmalspurgeleise und brachte uns
durch Zuckerfelder zum Tempel. In der Nähe liegt die
Pumpstation der Fabrik. Der Tempel mündet wie der Mar-
kusplatz auf das Wasser. Man konnte vom Nil direkt zur
Terrasse aufsteigen und kam in den Hof des Heiligtums.
Dieses stammt von den Ptolemäern, und ihre Verballhor-
nung ägyptischer Formen, eine Kunst der Gründerjahre,
vergrößerte unsere üble Morgenstimmung. Zumal Ba-
buschka kam nicht los und verquickte mich unbewußt mit
der Architektur, für deren Niedergang sie mich verant-
wortlich machte. Das einzig Tröstliche an dem Tempel ist
die Aussicht auf den Fluß, aber man darf nicht von Assuan
kommen und ungewillt sein, sich trösten zu lassen. Auch
eine finstere Speisekammer mit getrockneten Krokodilen
vermochte Babuschka nicht zu fesseln.

Viel interessanter das Maschinenhaus der Pumpstation
mit geräuschlos arbeitenden blanken Dieselmotoren gro-
ßen Kalibers. Die Kessel werden mit großen Mengen von
Zuckerrohrblättern geheizt, die wie Seidenpapier brennen.
W enn man eine Weile in die Glut sieht, flimmern die
Augen, und nachher ist man froh, in milderes Klima zu
kommen. Die Arbeiter erhalten eine Mark Tagelohn bei
zehnstündiger Arbeitszeit und tun, was sie können. Für
einen, den man wegschickt, sind zehn andere da. Man muß
sie anzufassen wissen. Sie seien wie Frauen, meinte Gan-
ter, verbesserte sich aber sogleich und sagte Kinder.

Nachmittags in Edfu. Das Nest, größer als Assuan, liegt
auf der anderen Nilseite und entbehrt aller Beize. Ein grie-
chisches Gasthaus nahm uns freundlich auf, eine Viktua-
lienhandlung mit Ausschank, hinter dessen bestückter An-
richte ein dunkeläugiges, scharfkantiges Gesicht den Kredit
der Kunden wägte. Nebenan im Dunkel führte die un-
gern belastete Wendeltreppe nach oben, wo es zwei Gast-
zimmer gab, sehr einfach und schmutzig. In dem einen
ging eine koptische Familie in Fäulnis über. Auch der

210
loading ...