Meier-Graefe, Julius
Pyramide und Tempel: Notizen während einer Reise nach Ägypten, Palästina, Griechenland und Stambul — Berlin, 1927

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KÖNIGINNEN GRÄBER

sich schon bedenklich Edfu und wird neben diesem Ram-
ses der zwanzigsten Dynastie genötigt, das Postament des
großen Ramses um einige Stufen zu erhöhen. Mit Edfu
stimmt auch die gute Erhaltung einiger Teile des Tempels
überein. Die Welt wäre reicher, wenn sie von dem Sans-
souci der Iiatschepsut nur eine Wand mehr besäße, und
sie wäre ohne Medinet Ilabu nicht ärmer. Nur dem
burgartigen Turmbau hat die unsichere Zeit Charakter ge-
geben. Der kriegerische König, der so viele Festungen ge-
baut hat, machte auch aus dem Heiligtum eine Schanze.
Man denkt an mittelalterliche Tortürme Toskanas. Zu-
mal das Innere mit den merkwürdigen Konsolen in der
Höhe, die romanisch sein könnten, heimelt an, und man
erwartet eigentlich eine Zugbrücke. Nachher wird es übel.

Das Gebirge um das Tal der Königinnen verengt sich zu
einem von zwei riesigen Felswänden gebildeten Spalt, wo
eine der hier bestatteten Königinnen mit ihren Damen zu
picknicken pflegte. Die Malerei in den Gräbern, erstaun-
lich gut erhalten, sachlicher als in den Königsgräbern ohne
viel Rrimborium; höchst interessante Modebilder. Man ging
in grande toilette zur Ruhe. Ein Kleid mit einfachen Ach-
selbändern am Ausschnitt erinnert an das Klaue Rabusch-
kas. Ein anderes mit reichem Ornament trug neulich Frau
Henkell im Winterpalace. Über das Modebild geht die Dar-
stellung nicht hinaus. Die Frauen alle schlank mit ausge-
sprochen jüdischem Typus. Auch die weiblichen Götter
sehr schick. Die nobelste Anlage besaß natürlichNefretere,
die Gemahlin des großen Ramses. Das Grab der Königin
Titi, arg zerstört, scheint der Art der Hatschepsut nahe-
gekommen zu sein.

Die Malerei blieb bei den Ägyptern Dienerin der Rau-
kunst. Sie hat unter Hatschepsut eine Chance gehabt, die
vielleicht weiter ging, als der Tempel in Der-el-bahri er-
kennen läßt, aber die überwältigende Tradition der Plastik

IG

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