Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 3.1908

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II.
Friedrich Hebbel und das Tragische.

Von
Hans Wütschke.

1.

Hebbels Ansichten über das Tragische darstellen, heißt seine Theorie
über das Dramatische überhaupt darlegen. Er kennt nur ein »großes«
Urama, ein Drama »in höchster Form«, das in zwei Unterarten zer-
fällt: Tragödie und Komödie. Ihr Unterschied besteht lediglich darin,
daß das rein Individuelle Stoff der Komödie ist, während die Tragödie,
d'e Individuen als nichtig überspringend, immer unmittelbar an die
Gottheit anzuknüpfen hat (T. 26. 10. 40 und 2Q. 11. 41)1). Die An-
wehten Hebbels über das Wesen des Tragischen und seiner Darstel-
,ungsform, der Tragödie, werden am besten durch die beiden folgen-
^n Tagebuchaufzeichnungen charakterisiert. Am 2. Dezember 1840
Schrieb der Dichter: »Der Dualismus geht durch alle unsere Anschau-
ungen und Gedanken, durch jedes einzelne Moment unseres Seins hin-
Urch, und er selbst ist unsere höchste, letzte Idee. Wir haben ganz
Und gar außer ihm keine Grundidee.« Und drei Jahre später, am
. November 1843, finden wir folgende Aufzeichnung: »Es gibt nur
eine Notwendigkeit, die, daß die Welt besteht; wie es den Individuen
a°er in der Welt ergeht, ist gleichgültig.« Dieselben Worte wieder-
holt er noch einmal in einem Briefe vom 12. November an Elise Len-
Slng- Ausführlich spricht er sich über seine Auffassung von der
Tragödie aus in seiner Schrift: »Mein Wort über das Drama« und
einer daran anknüpfenden Erwiderung auf Angriffe Prof. Heibergs,
sowie in dem »Vorwort zur Maria Magdalena«.

Nach Hebbel ist das Universum die -Idee , auf der sich alle echte
Kunst aufbauen muß. Die Welt ist ihm die »realisierte Idee« (V. z.
M. M.), und zwar die sittliche Idee, sittlich im höchsten Sinn gefaßt.
Diese Idee, gleichbedeutend mit der Sittlichkeit selbst, ist das alles

') Als Abkürzungen gelten: T. = Tagebuch; Br. = Briefe; M. W. ü. d. Dr.
- Mein Wort über das Drama; V. z. M. M. = Vorwort zur »Maria Magdalena«.
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