Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 3.1908

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I.
Das Wesen des Plastischen.

Von

Richard Hamann.

1, Die plastische Auffassung.

A) Plastische Formenbildung und Formendarstellung.

Man hat sich längst gewöhnt, in der Kunstbeurteilung auch bei
Gemälden von plastischer Darstellung zu reden, so wie man auch bei
Skulpturen von malerischer Ausführung spricht. Damit ist von vorn-
herein ein Problem des Plastischen gestellt, das nicht so zu erledigen
'st, daß wir behaupten, Plastik sei das, was der Bildhauer schaffe aus
Stein, Bronze oder Ton, Malerei, was mit Pinsel und Farben auf
einer Fläche von Leinwand, Holz oder Metall gebildet wird. Es ist
mehr als ein bloßes Bild, wenn wir sagen, daß einige Bildhauer mit
Stein und Meißel zu malen versuchen. Nennen wir Skulptur alles das,
was in bildhauerischer Tätigkeit geleistet wird, Gemälde, was der Maler
schafft, so fallen Plastik und Skulptur, Malerei und Gemäldekunst nicht
von vornherein zusammen. Wenn wir dennoch gewöhnt sind, bei dem
Attribut plastisch an Skulptur zu denken, bei malerisch an ein Gemälde,
so liegt darin, daß Plastik und die Skulptur, die Kunst des Bildhauers,
Malerei und die Kunst des Malers, die Gemälde, eine enge Beziehung
zueinander haben, die zwischen Plastik und Skulptur zu erkennen jedem
a's Aufgabe gestellt wird, der sich unterfängt, über das Wesen der
I lastik und die Aufgaben der Bildhauerkunst oder ihre Wirkungs- resp.
Darstellungsmöglichkeiten nachzudenken. Zunächst also, was ist Plastik?

Nehmen wir an, es handle sich um die Darstellung eines Menschen,
und diese würde ausgeführt einmal durch einen Gipsabdruck, der durch
Bemalung die größtmögliche Ähnlichkeit mit dem Dargestellten erhalten
würde, anderseits als Gemälde etwa in der Weise eines der großen
Porträtisten, eines Franz Hals, Holbein oder van Dyck. Wodurch
würde die bemalte Statue der Plastik näher stehen als das Gemälde?
Sicherlich nicht durch den höheren Grad von Illusion oder Natur-
wahrheit. Es läßt sich mit Sicherheit behaupten, daß das Gemälde
lebendiger wirken wird als die Statue, die immer eine gewisse Starrheit

Zeitschr. f. Ästhetik u. allg. Kunstwissenschaft. III. 1
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