Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 3.1908

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XII.

Der Satz des Epicharmos und seine Erklärungen.
Betrachtungen zur biologischen Ästhetik.

Von
Hugo Spitzer.

Läßt man die Frage der psychologischen Durchführbarkeit beiseite,
So gibt es für die Korrespondenz der äußeren, physischen Artbildung
und der inneren ästhetischen Anlage, für das durchgängige »Zusammen-
fallen von Gestalt und Geschmack«, wie man kurz sagen könnte,
Pr'nzipiell drei Erklärungsmöglichkeiten. Entweder ist der Geschmack
selbst der freie Bildner des Leibes, wenigstens in dessen ästhetisch
^lrksamen Bestandteilen, oder eine fremde Macht hat zugleich die
JJestalt des Tieres und die Eigentümlichkeit seiner ästhetischen An-
agen bestimmt, in der Weise, daß beide jedesmal vollkommen zu-
emander passen, oder endlich es findet sich trotz der ungeheuren
erschiedenheit der Tierformen überall, wo Individuen der Erschei-
Ung eines ihrer Artgenossen gegenüberstehen, in den Eindrücken, die
^le empfangen, ein gemeinsamer ästhetischer Faktor, der zur Tatsache
es maximalen Wohlgefallens an der Erscheinung führt. Alle diese
Wassungen sind in der Wissenschaftsgeschichte teils nachweislich
urch besondere Theorien vertreten, teils haben sie gewisse Grund-
een mit solchen Theorien gemein, so daß die letzteren zum min-
esten als Anklänge an die betreffende Erklärungsart sich darstellen.
s Prinzip der ersten erkennt jeder sofort in der Lehre von der ge-
_ echtlichen Zuchtwahl, nur daß diese Lehre, so, wie sie durch das
enie Darwins historisch ausgeprägt wurde, sich wohl hütet, ihren
eitenden Gedanken dermaßen zu übertreiben, daß er für eine Erklä-
ug des Satzes des Epicharmus zureichen würde. Die zweite be-
nennet genau den Standpunkt der meisten evolutionistischen Ästhetiker
er Gegenwart, jene Vorstellungsweise, mit der sich eben die voran-
gehenden Untersuchungen beschäftigt haben: die äußere, zugleich den
rganismus und den Schönheitssinn des Tieres bildende und vollendete
armonie zwischen beiden herstellende Macht ist die natürliche Aus-
se> und es obwaltet kein Zweifel, daß diese zweite prinzipiell denk-
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