Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 3.1908

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Besprechungen.

Julius Eisler, Grundlegung der allgemeinen Ästhetik. Wien und Leipzig,
Verlag von J. Eisenstein u. Co., 1908. gr. 8°. VIII u. 51 S.

Es ist sehr anerkennenswert, wenn in dem ästhetischen Genießer die Sehnsucht
erwacht, sich über diesen Genuß Rechenschaft zu geben, wenn er nach einem Wert-
maßstab sucht und in die Kenntnis der künstlerischen Technik einzudringen begehrt.
Ist es jedoch dringend nötig, derartige Studien gleich als »Grundlegung« heraus-
zugeben? Das muß ich leider verneinen, obgleich ich gern zugeben will, daß zahl-
reiche Bemerkungen — das Buch besteht nämlich in der Hauptsache aus Einzel-
bemerkungen — durchaus zutreffend sind. Aber neu? Das Richtige in diesem
Buche ist allerdings nicht neu. Man höre etwa: »Unzweckmäßig ist die sicherheits-
gefährliche Art des Essens, wie das Führen des Messers zum Munde u. dgl.; ferner
das hastige, verdauungshindernde Hinunterschlucken; das Schmatzen und laute
Schlürfen verstößt gegen die schuldige Rücksicht den anderen gegenüber, welche
auf die möglichste Geräuschlosigkeit Anspruch haben.« Gebührt derartigen Betrach-
tungen ein Platz in einer knappen Grundlegung der allgemeinen Ästhetik, und
bildet nicht ihre Kenntnis ein Gemeingut der kultivierten Welt?

In Bezug auf die Grundlagen meint der Verfasser, daß er von »dem Aufbau
der herrschenden Lehren abweichen mußte, wodurch die Aufgabe eine schwierigere
wurdec. Aus diesem Grunde bittet er um Nachsicht. Wäre es nicht verdienstvolle!'
gewesen, erst alte Hypothesen auf ihre Verwendbarkeit hin zu prüfen, als gleich
neue hinzustellen? Hätte man nicht die bereits bestehenden Ansichten auf ihre
letzten Konsequenzen hin entwickeln sollen, um dann vielleicht — durch der Tat-
sachen Wucht gedrängt — an ihnen gewisse Abänderungen vorzunehmen? Das
Bestehende gänzlich bei Seite lassen und ganz von neuem beginnen, heißt'doch,
die gemeinsame Arbeit unmöglich machen und jede Entwickelung der Wissenschaft
vereiteln. Nicht eine Fülle von Ästhetiken, sondern eine einzige ist ja unser heiß
ersehntes Ziel. Und Schwierigkeiten um der Schwierigkeiten willen etwa aufsuchen,
ist Sport, aber nicht Wissenschaft. — Das Schöne faßt der Verfasser als ein »Nahe-
vollkommenes«, nahe-vollkommen deswegen, weil gänzliche Vollkommenheit ein un-
erreichbares Ideal ist. Was für eine Vollkommenheit bildet nun das Schöne?
Ursprünglich die der Bedürfnisbefriedigung, die mit einem Lustgefühle verbunden
ist. »Die den Bedürfniszweck fördernden Eigenschaften galten als schön, und nicht
nur sie, sondern auch die sekundären Erfahrungsmerkmale, welche auf solche Eigen-
schaften schließen lassen.« In der weiteren Entwickelung erfolgte dann wenigstens
zum Teil die Loslösung vom Bedürfniszweck, und zwar bisweilen in dem Grade,
daß die ästhetischen Gefühle auch dort interesselos bleiben, wo dem Bedürfniszweck
hinderliche Objekte gegeben sind. Der Löwe gilt z. B. als schön, trotz aller Schrecken,
die er verbreitet. Anderseits liegt aber das ursprüngliche Kennzeichen der hohen
Bedürfniszweckerfüllung noch vielfach offen zu Tage und zeigt sich etwa darin, daß
das Saubere und Gepflegte ein auf den Gegenstand übertragenes Wohlgefallen
erregt.
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