Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 3.1908

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Besprechungen.

John Ruskin, Steine von Venedig. 3 Bde. Aus dem Englischen von Hed-
wig Jahn. Verlegt bei Eugen Diederichs in Jena, 1903/6.
1. Eugen Diederichs' äußerst dankenswertes Unternehmen, von John Ruskins
einflußreichsten Werken, von denen, welchen mutmaßlich noch eine lange Ferne-
wirkung beschieden sein wird, die vollständige Übersetzung in lesbarem Deutsch
und in würdiger Ausstattung zu bieten, ist mit der Ausgabe des dritten und letzten
oandes der Steine von Venedig zu einem vorläufigen Abschluß gelangt. Die Über-
setzung war notwendig, weil das Original zu verstehen nicht jedermanns Sache ist.
oo herrlich Ruskins Stil ist, so unvergleichlichen Genuß seine majestätische Prosa
dem bietet, der sie unmittelbar, in selbstvergessener Hingabe an den Zauber ihres
Klanges, die Bildkraft ihrer Gedanken, die Akzente ihrer leidenschaftlichen Über-
zeugungen zu genießen vermag: so wenig Aussicht hat derjenige, dem die feinsten
»"messen und Nuancen der englischen Sprache nicht wie etwas Selbstverständliches
eingehen, sich im Wildwuchs der Ruskinschen Paradiesgärten zurechtzufinden. Sehr
V1ele schiefe, grundverkehrte und anmaßende Beurteilungen des englischen Ästhe-
tikers, Kulturkritikers, Sozialreformers und Propheten beruhen auf mangelhaftem
Verständnis jener Finessen.

Darum eben war Diederichs' Unternehmen so dankenswert. Und es ist erfreu-

lcn, hinzufügen zu dürfen, daß die Übersetzungen meist wirklich vortrefflich, zum

eil sogar, in Anbetracht der zu bewältigenden Schwierigkeiten, meisterlich, will

sagen: glücklich sind im Aufspüren der vielverschlungenen bilderreichen Beziehungen,

uie Ruskins Stil so kennzeichnen. Ein nie gelöster Rest bleibt freilich zurück, wird

ei Ruskin-Übersetzungen stets zurückbleiben, wenn nicht Sprachvirtuosen vom

chiagg stefan Qeorges (der einige Stellen aus der »Modernen Malerei« mit uner-

orter Einfühlungskraft übertragen hat) sie besorgen. Aber seien wir für das Ge-

otene, glücklich Erreichte dankbar. Jetzt haben die Deutschen ihren Ruskin. Seine

erbearbeit unter uns kann eigentlich jetzt erst beginnen.

2- Aber ist sie wünschenswert? Die Frage mag seltsam erscheinen angesichts
r Begeisterung, mit der vor etwa zehn Jahren Ruskin in Deutschland aufgenom-
en wurde. Ein neuer Heiliger schien unserem Kalender gewonnen. Kunst-
ntiker und Literaten suchten um die Wette, den vielleicht einflußreichsten eng-
jschen Schriftsteller des 19. Jahrhunderts bei uns heimisch zu machen. Feuilletons,
|e auf seine überragende Bedeutung im englischen Schrifttum, auf seine unver-
fänglichen Verdienste um die moderne englische Kunstkultur, auf seinen versitt-
eienden Einfluß, seine sozialreformerischen Bemühungen hinwiesen, fanden zu-
nächst Glauben. Der neue Name ging von Mund zu Mund. Das geschah, als die
Renaissance des Kunstgewerbes mit Macht bei uns einsetzte, die Technik des
jnpressionismus und Neo-Impressionismus zum ersten Male leidenschaftlich dis-
"tjert und die englische Kunstkultur des 19. Jahrhunderts mit William Turner,
illiam Morris und den Präraffaeliten als repräsentativen Namen, als Schulbeispiel
lner wünschenswerten Entwickelung hingestellt wurde. Turners Größe aber war
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