Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 3.1908

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Bemerkungen.

Die Bedeutung der Photographie für die Malerei.

Daß die im Publikum verbreitete Ansicht, es werde demnächst die Malerei

rch die Farbenphotographie verdrängt werden, völlig grundlos ist, braucht wohl

" dieser Zeitschrift nicht erst näher erörtert zu werden. Genügt es doch, an die

•"scheinung des sogenannten subjektiven Farbenkontrastes zu denken, um sofort

sehen, daß die photographische Technik niemals im stände sein wird, in jeder

•nsicht und überall die Hand des "Malers, oder vielmehr sein Auge zu ersetzen.

Auch darum handelt es sich nicht, wie die schwarz-weiße Liebhaberaufnahme
eute mehr und mehr bei den Malern als Hilfsmittel in Anwendung kommt, als
'weiser Ersatz der Studien oder Skizzen. Der Einfluß, den der Momentapparat
erin allmählich auf die Maler gewonnen hat, läßt sich nicht mehr ableugnen. Da
e Photographie bisher nur für die Festlegung der Form-, allenfalls noch der Licht-
" Schattenverhältnisse in Betracht kommen konnte, so ist es klar, daß die Mängel
. T Aufnahmen sich besonders da bemerkbar machen mußten und müssen, wo es
Cn um zeichnerisch ungenügend durchgebildete Künstler handelt, deren es ja bei
m augenblicklichen Vorherrschen gewisser die Zeichnung gering schätzender
jflcntungen in der Malerei nicht wenig geben soll. Ich möchte bloß einige typische
e'spiele erwähnen, die sich immer und immer wieder dem aufmerksamen Beob-
c«ter aufdrängen. Vor allem Landschaften, in denen ein Bach oder Fluß sich
us dem Vordergrunde in die Tiefe hineinzieht. In einer Unzahl von Fällen wird
er Frachter, sofern er Gefühl für Linienperspektive besitzt, eine nach vorn zu
"verhältnismäßig rasch wachsende Erweiterung des Flußbettes bemerken: man
°nnte oft meinen, hier ergieße sich der Bach oder Fluß in einen Teich, See oder
ergleichen, was jedoch in Anbetracht des sonstigen Aufbaus des Bildes nicht
"genommen werden darf. Die Erklärung dieser, wie gesagt, sehr häufigen Er-
lernung liegt nahe: ein jedes photographisches Jahrbuch liefert sie uns, indem es
'"e Menge Bilder über dasselbe Thema und mit demselben merkwürdigen An-
u WelIen des fließenden Wassers im Vordergrunde enthält. Es handelt sich eben
-J11 die unangenehme Eigenschaft der Weitwinkelobjektive, die ja meist in der
omentkamera verwendet werden, eine sogenannte übertriebene Perspektive zu
° en, die Dimensionen in der Nähe allzu rasch zu- und in der Ferne allzu schnell
. "ehmen zu lassen. Die kritiklose Benutzung solcher Aufnahmen wiederholt dann
gemalten Bilde dieselbe übertriebene Perspektive. Ähnlich verhält es sich bei
ruppenbildern: Personen, die sich beispielsweise an der Hand halten, müßten
fe ' +dem unmittelbaren Gesichtseindrucke nach, mindestens 4—5 m voneinander ent-
y stehen. Bei nach vorn gekehrten, sich bäumenden Pferden erscheinen die

di°r *Ufe °ft so groß wie der ^opf des Reiters: der Momentapparat hat wiederum
l. . Qr°ße der ihm näheren Hufe stark übertrieben und den Künstler zur Wieder-

0lung des Fehlers im Bilde verführt.

ein f e'ne soIche Beeinflussung der Künstler durch die Photographie ausschließlich

Frage des zeichnerischen Könnens und des Formensinnes ist, so darf sie
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