Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 3.1908

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XI.

Richard Dehmels „Zwei Menschen"
als Epos des modernen Pantheismus.

Von

Raoul Richter.

1.

Überschriften sind Aufgaben, und Aufgaben können nicht nur un-
vollkommen gelöst, sie können auch schief gestellt werden. Gegen
eine Fassung, die Dehmels »Roman in Romanzen« die gewählten Bei-
worte zugesellt, mögen gerade bei den Einsichtigen sich hier laut,
dort leise die Bedenken regen.

Sind nicht Epos, Roman, Romanzen künstlerische Formen? Ist
nicht Richard Dehmel ein Dichter? Pantheismus und Naturalismus
(wir wollen uns nicht auf ein Schlagwort festlegen) aber religiös-
philosophische Begriffe, und müßte nicht, wer sie vertritt, ein Denker
oder ein Apostel sein? Und das nicht nur in dem Sinne, wie wir
alle uns philosophische Gedanken vom Dasein machen, und ihm auch
alle, wenigstens in den Stunden der Selbstbesinnung, religiöse Ge-
fühle entgegentragen, sondern ein Denker und Apostel von Beruf,
ein Auserwählter; wie sollten wir uns sonst an dieser Stelle mit ihm
beschäftigen? Und selbst, wenn jemand die verschiedenen Begabungen
in dem geforderten Maße vereinigte, dürften sie dann im gleichen
Werke durcheinander wogen? Hemmt hier nicht notwendig eine die
andere, und wäre eine Arbeit, in der das der Fall ist, nicht von vorn-
herein als elender Bastard gebrandmarkt? Ist über ein »Epos des
modernen Pantheismus« nicht schon a priori das Todesurteil gefällt?

Und so werden wir gleich zu Anfang auf die letzten Verhältnisse
gewiesen, in denen Kunst, Philosophie und Religion zueinander stehen;
wahrlich auf abgrundtiefe Probleme, deren Lösung zu begründen hier
natürlich nicht möglich, die programmatisch zu formulieren aber un-
erläßlich scheint.

Dichter, Denker und Apostel, Kunst, Philosophie und Religion haben
zunächst ganz getrennte Aufgaben, Ziele und Mittel. Die Kunst sucht
Schönheit und bedient sich der phantasiemäßig abgewandelten An-
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