Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 3.1908

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BESPRECHUNGEN.

haupt mit dem der naturalistischen Malerei. Denn diese war die einzige Kunst,
deren Stoff und Mittel die Beschaffung konkreter Beispiele für die naturalistische
Theorie ermöglichten, während die übrigen Künste schon ihrem Wesen nach keine
bloßen Nachahmer der Natur sein konnten. Für Musik und Architektur leuchtet
dies wohl ohne weiteres ein; es trifft aber auch bei der Dichtung und Skulptur zu..
Wenn in der Malerei auch der roheste Naturausschnitt, auf Leinwand oder Papier
verpflanzt, immer noch als Bild gelten kann, hat es wohl noch nie einen Roman,
ein Drama gegeben, das einen bestimmten Zeitabschnitt des wirklichen Lebens un-
gekürzt und ungesichtet wiedergab — ein solches Verfahren müßte immer (aller-
kürzeste Begebenheiten vielleicht ausgenommen) ein trostloses Einerlei, ein Gewimmel
nichtssagender, anfangs- und endloser Episoden ergeben, jedenfalls eine für den
geduldigsten Leser unverdauliche Kost. Wo aber gekürzt und gesichtet werden
muß, da kann es nur nach einem bestimmten Plane, nach einer gewissen Idee ge-
schehen, da drängt sich, bewußt oder unbewußt, ein subjektives, ein idealistisches
Moment ein. — Die Skulptur, auch die polychrome, kann höchstens durch die Form
auf treue Naturnachahmung ausgehen, die Farben des Originals dürfen nicht mehr
als angedeutet werden — dies beweist jedes Wachsfigurenkabinett auf dem Wege
der deductio ad absurdum.

Odessa. Max Foth.

Besprechungen.

Leonard Nelson, Über wissenschaftliche und ästhetische Natur-
betrachtung. (Sonderabdruck aus den »Abhandlungen der Friesschen
Schule«, II. Bd., 3. Heft. Oöttingen, Vandenhoeck & Ruprecht, 1908.)
Leonard Nelson, der eifrigste Streiter unter den Erneuerern der Friesschen Philo-
sophie, orientiert uns in dem vorliegenden kurzen, klargegliederten Aufsatz über die
Stellung, die diese jüngste und selbstbewußteste philosophische Schule dem Problem
der Ästhetik gegenüber einnimmt. In diesen Tagen, wo das Evangelium der Reiz-
samkeitsepoche schon zu einer Wahrheit von gestern geworden ist und klassizisti-
sche Neigungen überall in der Luft liegen, erhält dieser Wiederbelebungsversuch
nachkantischer klassischer Ästhetik ein besonderes Interesse. Das Unmoderne des
von Nelson eingenommenen Standpunktes hat einen Reiz, dem man sich im Tages-
streit ästhetischer Theorien gerne hingibt. Es überkommt einen bei der Lektüre
dieser mit der »glänzenden Trockenheit« Kants geschriebenen kleinen Schrift das
Gefühl, als ob die Ästhetik, zum Objekt psychologischer Sophisterei und Klein-
krämerei herabgewürdigt, nach diesem Niederstieg ins Menschlich-Allzumenschliche
nun wieder reuig in die Arme der reinen Philosophie zurückkehre. Sie entschwebt
dem irdischen Gesichtskreis und strahlt fern im keuschen Lichte der Idee, leuchtend
aber nicht wärmend. Mit derselben Erbauung, mit der wir etwa Schillers ästhe-
tische Schriften lesen, geben wir uns dem Genuß dieser metaphysischen Auffassung
des Schönen hin. Denn der Geist Kants hat es an sich, daß er allem, dem er sich
mitteilt, eine Weihe gibt, die jeden vorlauten Widerspruch zurückdrängt und uns
empfänglich stimmt. Diese Atmosphäre der Lauterkeit weiht auch Nelsons feine
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