Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 3.1908

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BESPRECHl

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spätere christlich-mystische Gläubige, der künstlerisch transzendente Schwärmer (im
Sinne Liszts) und Romantiker vom reinsten Wasser hat wenig oder gar nichts vom
eigentlichen Fühlen und Denken eines Herder, Kant, Beethoven in sich aufge-
nommen. Näher lag ihm schon Goethes Pantheismus; seine eigentlichen Gewährs-
männer, soweit er nicht auf sich selber fußt, lebten alle neben ihm im 19. Jahr-
hundert.

Eine Linie Schiller-Wagner oder Beethoven-Wagner als eine aufsteigende zu
konstruieren, ist ein gleiches Beginnen wie Schopenhauers oder Nietzsches Philo-
sophie als Vollendung der Kantschen Kritiken hinzustellen. Wer begeisterter An-
hänger Nietzsches ist, wird sich gern und leicht alle Entwickelung zu ihm hin-
laufend denken. Geht man die ganze Wagnerliteratur durch, so wird man ihn
wahrscheinlich als Vollender ziemlich aller geistigen Menschheitsbestrebungen ge-
priesen finden, nicht nur als Tondichter, sondern auch als Kunst-, Staats- und Ge-
sellschaftsphilosoph, ja als Regenerator der Menschheit. — Unzweifelhaft hat er
sich mit all diesen Ideen getragen und ihnen, so gut er konnte, Ausdruck verliehen,
zweifellos auch manchen schönen Satz geprägt; ob er aber die allgemein gültige
Fassung für solche letzte Fragen fand, das (glaube ich) werden doch auch heute
wohl mehr Stimmen bezweifeln als bejahen, trotzdem man fast nur die bejahenden
in der Öffentlichkeit vernimmt.

Potsdam. Hermann Wetzel.

Bemerkungen.

Erwiderung.

Gegen die »Bemerkungen« meines verehrten früheren Lehrers in der Kunst-
geschichte habe ich folgendes zu erwidern: 1. Wenn ich zu dem Ausdruck »mimi-
schen Kunst« in Klammern hinzugefügt habe »Schauspielkunst«, so ist das lediglich
dem Bestreben entsprungen, die technischen Ausdrücke in einer populären
Schrift durch den verständlichsten deutschen Ausdruck zu erläutern. Ich habe
m meiner »Einführung« überall die Fremdworte durch deutsche zu ersetzen und
die termini technki durch in Klammern beigefügte deutsche Worte zu erklären ge-
sucht. Es mag sein, daß das Wort Schauspielkunst in diesem Falle nicht glücklich
gewählt war, aber kein Leser kann es nach dem Zusammenhang anders deuten
als so, daß damit die »Schauspielkunst« im weitesten Sinne des Wortes ge-
meint ist; ebenso gebraucht ja auch Schmarsow das Wort »Mimik«, das meist in
einem engeren Sinne, ja sogar nicht selten als gleichbedeutend mit »Schau-
spielkunst« verstanden wird, in seinem Zusammenhang in einem erweiterten Sinne.
*n dem Zusammenhang meiner Ausführungen, in dem ich von der Entstehung der
Künste aus primitiven Formen spreche, wird also kein verständiger Leser darauf ver-
fallen, Schmarsow habe die Künste aus einer »fertigen« Kunst ableiten wollen.
(Übrigens will Schmarsow wohl sagen aus einer hochentwickelten Kunst, denn
»fertige Künste« gibt es nicht!) Sachlich war ich durchaus berechtigt, Schmarsows
Ansicht anderen Theorien über den Ursprung der Künste anzureihen, denn der
Vortrag trägt die Überschrift »Ausdrucksbewegung als Ursprung alles künstle-
rischen Schaffens« und behandelt diesen Ursprung keineswegs in bloß hypothetischer
Form, und daß es Herrn Schmarsow »nicht darauf ankommt«, das konnte ich aller-
dings auch nach der hypothetischen Form des ersten Satzes nicht vermuten.
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