Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 3.1908

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Bemerkungen.

Von Transszendenz und Immanenz in der Kunst.

Jede tiefere Revision des Wesens unserer wissenschaftlichen Ästhetik muß zu
der Erkenntnis führen, daß sie an den eigentlichen Kunsttatsachen gemessen von
überaus beschränkter Anwendbarkeit ist. Dieser Umstand ist praktisch längst in
Erscheinung getreten in der unverhüllten gegenseitigen Abneigung, die zwischen
Kunsthistoriker und Ästhetiker herrscht. Objektive Kunstwissenschaft und Ästhetik
sind in Gegenwart und Zukunft unverträgliche Disziplinen. Vor die Wahl gestellt,
den größten Teil seines Materials fahren zu lassen und sich mit einer ad usum
aesthetici zurechtgeschnittenen Kunstgeschichte zufrieden zu geben oder auf alle
ästhetischen Höhenflüge zu verzichten, entscheidet sich der Kunsthistoriker natürlich
für das letztere und es bleibt bei dem berührungslosen Nebeneinanderarbeiten
zweier durch ihren Gegenstand eng verwandter Disziplinen. Vielleicht liegt diesem
Mißverhältnis nur der Aberglaube an den Wortbegriff Kunst zu Grunde. Von
diesem Aberglauben befangen verstricken wir uns immer wieder in das geradezu
verbrecherische Bemühen die Vieldeutigkeit der Erscheinungen auf einen eindeutigen
Begriff zu reduzieren. Doch von diesem Aberglauben kommen wir nicht los. Wir
bleiben Sklaven von Worten, Sklaven von Begriffen.

Wo die Ursache auch liegen mag, die Sachlage besteht jedenfalls, daß die Summe
der Kunsttatsachen nicht in den Fragestellungen der Ästhetik aufgeht, daß beides
vielmehr, die Geschichte der Kunst und die Dogmatik der Kunst, inkongruente und
sogar inkommensurable Größen sind.

Wenn man überein käme, mit der Lautgruppe Kunst nur diejenigen Produkte
zu bezeichnen, die auf die Fragestellungen unserer wissenschaftlichen Ästhetik ant-
worten, müßte der weitaus größte Teil des bisher von der kunstgeschichtlichen
Forschung gewürdigten Materials als unkünstlerisch ausgeschieden werden und es
blieben nur ganz kleine Komplexe, nämlich die Kunstdenkmäler der verschiedenen
klassischen Epochen. Hier liegt das Geheimnis: Unsere Ästhetik ist nichts
weiter als eine Psychologie des klassischen Kunstempfindens. Nichts
mehr und nichts weniger. Über diese Grenze kommt keine Erweiterung der
Ästhetik hinaus. Der moderne Ästhetiker wird hiergegen einwenden, daß er seine
Prinzipien längst nicht mehr aus der klassischen Tradition gewänne, sondern auf
dem Wege des psychologischen Experiments und daß trotzdem die so gefundenen
Resultate ihre Bestätigung in den klassischen Kunstwerken fänden. Damit ist nur
gesagt, daß er sich in einem circulus vitiosus bewegt. Denn verglichen mit dem
gotischen Menschen, dem altorientalischen Menschen, dem Menschen amerikanischer
Urzeit u. s. f. hat unsere heutige Menschheit bei aller Differenzierung und Höher-
organisierung die Grundlinien ihrer seelischen Struktur mit der Menschheit der
klassischen Epochen gemein und fußt deshalb auch mit ihrem ganzen Bildungs-
gehalt auf dieser klassischen Überlieferung. Über diese Grundlinien und elemen-
taren Verhältnisse unseres seelischen Aufbaues vermag anderseits auch die moderne
Experimentalpsychologie mit ihren Untersuchungen über die Gesetzmäßigkeit des
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