Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 3.1908

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VIII.

Der Begriff der Einheit.

Von

Richard M. Meyer.

Man hat oft darauf hingewiesen, daß die wissenschaftliche Analyse
sich derjenigen Stoffe zuletzt bemächtigt hat, die uns am nächsten
hegen: die Chemie hat sich viel eher mit kuriosen Giften beschäftigt,
a's mit der Luft. Freilich liegt das nicht bloß an der zentripetalen
Bewegung der Wissenschaften, die alle mit Kuriositäten beginnen und
heim Alltäglichen aufhören — »wir fingen mit den Sternen an und
enden mit den Hühneraugen!« —, sondern auch an der besonderen
Schwierigkeit, die gerade die häufigsten, gewohntesten Dinge dem
wissenschaftlichen Erfassen bieten.

Es kann scheinbar keinen einfacheren Begriff geben als den der
Einheit. Man operiert mit ihm überall wie mit einer wohlbekannten
Persönlichkeit. So in der Ästhetik, wo er eine zentrale Rolle spielt.
Hegel (Ästhetik Bd. I, S. 135, 137) unterscheidet wohl Arten der Ein-
heit und trägt dabei auch zu der allgemeinen Charakteristik des Be-
griffs bei, setzt ihn doch aber schließlich als bekannt voraus, was
rr. Th. Vischer (»Das Schöne und die Kunst« § 4, 8) durchaus tut.
Anderswo mögen sich immerhin Definitionen auftreiben lassen; das
Deutsche Wörterbuch (Bd. 3, S. 198) gibt für den »erst seit dem vorigen
U8.) Jahrhundert in Schwang gekommenen, früher noch nicht her-
gebrachten Ausdruck« Nachweise, aber keine Erklärung.

Diese Nachweise aber führen wenigstens auf einen wichtigen Punkt.
Neben der seltenen Verwendung im Sinne von »Einigung, Eintracht«
unterscheidet J. Grimm eine doppelte: die von Einzahl, griechisch
P-ova<;, und die ideelle Einheit. Um die letztere handelt es sich für
Uns, zunächst aber um ihr Verhältnis zu der ersten.

Schon der schlichte arithmetische Begriff der Einheit ist keineswegs
so uralt und selbstverständlich, wie man denken möchte; wobei man
von der Schwierigkeit, die Zahl als solche zu definieren, ganz absehen
kann; Dedekinds glänzende Lösung führt diese Einheit auf allgemeinere
Begriffe zurück. Das Zeugnis der indogermanischen Sprachen beweist
Jene Schwierigkeit. Erstens ist die Zahl »eins« wahrscheinlich jünger

Zeitschr. f. Ästhetik u. allg. Kunstwissenschaft. III. 22
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