Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 3.1908

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VI.

Die ästhetische Bedeutung der Spannung.

Von

Karl Buchler.

!• Spannungsempfindung und Spannungsgefühl nach der
psychologischen Bedeutung.

Mit Spannung erwarten wir die bedeutsamen Ereignisse des Lebens,
ffiit Spannung begleiten wir unsere eigene Tätigkeit, mit Spannung ver-
folgen wir auch das ästhetische Geschehen. Dies Erlebnis der Span-
nung, das so einfach und gleichartig erscheint, zeigt sich aber bei
näherer Betrachtung oft reich an verschiedenartigen Gefühlstönen. Es
bedarf einer genauen Zerlegung, um die Zugehörigkeit der einzelnen
Empfindungselemente auch richtig zu erkennen J). Ein Teil läßt sich
auf einen verursachenden Gegenstand beziehen, auf das Objekt; es sind
dle Empfindungen in der jetzt allgemein üblichen Bedeutung des
Wortes 2). Der andere Teil wird uns nur als Zuständlichkeit bewußt,
a|s unser subjektiver Anteil, und wird mit dem Namen Gefühl bezeich-
ne*- So unterscheidet man auch an der Spannung eine Spannungs-
^fnpfindung und ein Spannungsgefühl3). Beide kommen nun viel
aufiger vor, als gemeinhin angenommen wird. Unter den Psycho-
ogen hat am meisten wohl W. Wundt darauf hingewiesen; für die
^sthetik haben besonders Fr. Th. Vischer und Th. Lipps den Begriff
er Spannung verwendet. Von ihren Theorien wird weiterhin im
■nzelnen zu reden sein; im wesentlichen aber stimmen sie mit der
nsicht überein, die im folgenden dargestellt ist.

Am deutlichsten für die Beobachtung sind zunächst die Spannungs-
•npfindungen unserer Bewegungsorgane, des Tastsinns ganz allge-

, ' Vgl. Th. Lipps, Grundlegung der Ästhetik, Hamburg und Leipzig, I. Bd., 1903
Innert: Ästhetik), wo S. 171 ff. der ganze Bewußtseinskomplex, der sich mit dem
£«en ejnes Steines verbindet, gerade unter dem Gesichtspunkt der Spannung sehr
Schon auseinandergelegt wird.

2) W. Wundt, Grundriß der Psychologie, 7. Aufl., Leipzig 1905 (zitiert: Gr. d.
■Vli.), S. 34/35 u. 43.

3) Über ihre Abgrenzung bei W. Wundt, Grundzüge der physiologischen Psycho-
se, 5. Aufl., Leipzig 1902/1903, 3 Bde. (zitiert: Phys. Psych.); Bd. II, S. 326 u. 334.
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