Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 3.1908

Seite: 512
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XIV.

Untersuchungen über die Stellung des Erzählers
in der epischen Dichtung.

Von

Käte Friedemann.

Einleitung.

Otto Ludwig scheidet zwei Hauptdarstellungsmöglichkeiten der
epischen Dichtung: a) die eigentliche Erzählung, in der der Verfasser
sich und sein Erzählen zugleich mit darstelle; b) die szenische Erzäh-
lung, in der er »viele Prozeduren mit dem Dramatiker gemein« habe,
und die »die Existenz des eigentlichen Dramas« voraussetze1). Ex-
tremer als Ludwig, fordert Friedrich Schlegel geradezu vom Dichter die
Selbstdarstellung, und er begründet sein Verlangen mit der vergleichs-
weisen Heranziehung der Transzendentalphilosophie, die, sobald sie
kritisch sei, auch das Produzierende mit dem Produkt zugleich dar-
stelle2).

Den schärfsten Gegensatz zu diesen Anschauungen vertreten
W. v. Humboldt3) und Spielhagen4), wenn sie wünschen, der Erzähler
solle der Objektivität zuliebe vollkommen hinter seinem Stoffe ver-
schwinden.

»Was verlange ich von einem dichterischen Roman?« sagt Spiel-
hagen. »Dies: daß er zuerst — und ich möchte sagen und zuletzt —
wie das homerische Epos, nur handelnde Personen kennt, hinter denen
der Dichter völlig und ausnahmslos verschwindet, so, daß er auch
nicht die geringste Meinung für sich selbst äußern darf, weder über
den Weltlauf, noch darüber, wie er sein Werk im ganzen, oder eine

') Otto Ludwig, hrsg. von Bartels, Bd. VI, S. 304 ff.

2) Athenäumfragment Nr. 238. Fr. Schlegel, hrsg. von Minor, Bd. II, S. 242.

3) W. v. Humboldt, Ästh. Versuche. Teil I. Über Goethes Hermann u. Dorothea.
Braunschweig 1799.

*) Fr. Spielhagen, Beiträge zur Technik des Romans. Leipzig 1883, S. 63, 67 f-j
89. Vermischte Schriften 1864, Bd. I, S. 179. Zur Technik des Romans, Wester-
manns Monatshefte Bd. 46, S. 220. Die epische Poesie und Goethe, Goethejahr-
buch 1895, S. 5.
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