Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 3.1908

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Eine stilpsychologische Untersuchung,
an Hugo von Hofmannsthal.

Von

Constantin Hilpert.

Die Literaturkritik als Wissenschaft, als Grundlage und Kern der
Literaturgeschichte, kann sich nicht dabei bescheiden, nur Werk und
Wirkung zu sehen; sie will auch sehen, was hinter dem Werk steht:
die eigentümliche Grundform des einzelnen kunstschaffenden Geistes,
durch die ihm Vergangenheit und Gegenwart hindurchgeht und Wunsch
und Wille für die Zukunft wird. Von hier aus erst ist der geschicht-
liche Blick über Generationen und Zeiten möglich, der vergleichend
und scheidend die Entwickelung des Kunstschaffens erschaut.

Indessen sind die Vorgänge in Geist und Seele des Dichters viel
2u kompliziert, als daß man in der Erkenntnis seines geistigen und
seelischen Diagramms jemals mehr als eine approximative Richtigkeit
erlangen könnte. Und weil man sich ihr nur bis auf eine gewisse
Entfernung nähern kann, wird man natürlich von allen Seiten heran-
zukommen versuchen. Diese Arbeit soll sich jedoch vorwiegend
darauf beschränken, einen Weg zu zeigen, nämlich den durch Stil,
Wahrnehmungs- und Gefühlsleben; denn gerade von hier aus, wo
°och am wenigsten die Bewußtheit des Dichters dem spürenden Blick
brechende Prismen vorhält, scheint die größte Annäherung möglich;
besonders bei Dichtern, denen die Bewußtheit des Dichter-seins und
das Wissen um Mittel und Wirkung die Naivität des Schaffens beein-
trächtigt hat und Furt zu einer gewissen Stilisierung ihrer selbst ge-
worden ist.

Seien zuerst die Grundlagen der Untersuchung gegeben.

Die Art und Menge der Eindrucks- und Aufnahmemöglichkeiten
hängt ja bekanntlich vom »Milieu«, von allgemeinen Verhältnissen, oft
vom Zufall ab; doch schon bei der Wahl spricht die ganze Eigenart
des Menschen und seine Veranlagung zum Erleben mit — wobei es
ganz gleichgültig ist, ob man in dieser ein durch die Verhältnisse Be-


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