Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 12.1917

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242 BESPRECHUNGEN.

überzeugt sein, ihn als geistige Bewegung freudig anerkennen und doch gegenüber
der Mehrzahl expressionistischer Kunst schwerste Bedenken haben: sie dünkt kunst-
gewerblich, schmückend dekorativ, oberflächlich. Und diesen Kunstleistungen mit
der ganzen Last der Weltanschauungsphilosophie näherrücken, heißt mit Kanonen
auf Mücken schießen. Nur um letzte Ausstrahlungen einer »Weltanschauung« kann
es sich da handeln. Bahr sieht nur die expressionistische Bewegung, und es ist
ihm relativ gleichgültig, wie weit sie in der Kunst ihre Erfüllung gewinnt. Ich
hätte es lieber gesehen, wenn er an der überzeugenden und notwendigen Sprache
einiger Kunstwerke uns den Expressionismus als Gestaltungsprinzip aufgewiesen
und dessen geistige Determiniertheit beleuchtet hätte. Denn so kann man dem
ganzen Buch von Bahr eventuell beistimmen und doch die expressionistische Kunst
ablehnen, wegen Qualitätsmangel oder wegen Unadäquatheit eben zu jenem »Pro-
gramm«. Aber auch darin trägt Bahr nur einen Teil der »Schuld«: es ist eben
»modern« so über Kunst zu sprechen, daß man im weitmaschigen Netz allgemeinster
Kategorien stecken bleibt, während die individuellen Kunstwerke durchfallen.

Rostock.

___________ Emil Utitz.

Max Picard, Das Ende des Impressionismus. München 1916, Verlag
von R. Piper & Co. 8°. 76 S.

Max Picard verkündet in seinem Buche das Ende des Impressionismus, seine
Überwindung. »Theoretisieren heißt: Die Erscheinung weniger wichtig nehmen als
ihren Sinn.« — »Und darum ist über den Impressionismus theoretisieren nichts
anderes als den Impressionismus überwinden.« So sucht denn Picard vergeblich
nach dem Sinn des Impressionismus; er findet keinen; man müßte denn die Glaubens-
losigkeit, die vollkommene Skepsis als etwas Positives betrachten. Und trotzdem
»nicht weiter nach einem Inhalt, nach einem Sinn verlangt« wurde, gibt Picard zu:
»Man war ergriffen, dauernd ergriffen.« Diese Ergriffenheit wird dann aber sofort
wieder von ihm in Mißkredit gesetzt: »Man merkte nicht, daß diese Ergriffenheit
rein physiologisch war.« — »Wir konstatieren eine intensive Ergriffenheit eines ein-
zigen Sinnesorganes, des Auges, bei einem Ausschluß der anderen Sinne.« Damit
wird zugleich Oberflächlichkeit und Losgelöstheit von allem Absoluten behauptet.
»... diese Zeit war ja froh, daß sie mit der Arbeit nicht fest verknüpft war; sie
wollte überhaupt mit nichts fest verknüpft sein.« Ähnliche Aphorismen — das
ganze impressionistisch anmutende Buch ist in Aphorismen geschrieben — findet
man noch in reicher Zahl.

Von systematischer, wissenschaftlicher Behandlung, die den überquellenden
Reichtum impressionistischer Gestaltungsweisen gesetzmäßig zu ordnen und auf
Grundformen zu bringen sucht, kann in Picards Buch nicht die Rede sein. Dabei
finden sich hie und da, wiederum wie künstlerische Impressionen — es gibt keine
treffendere Bezeichnung — Beschreibungen, welche das Wesen der Dinge blitzartig
beleuchten. Hugo von Hofmannsthals Lyrik scheint mir nicht besser gekennzeichnet
werden zu können als mit folgenden Worten Picards, die auf die impressionistische
Poesie im allgemeinen geschrieben sind. »Die Darstellung der impressionistischen
Poesie ist lose. Die Assoziationen sind ungebunden. Sie greifen nach einem Reich-
tum von Beziehungen aus, die ganze Welt scheint zwischen sie eingespannt zu sein.
Zwischen diesen losen Assoziationen aber hängen Bilder von plastischer Ausdrucks-
haftigkeit. Die zahllosen Erscheinungen, die durch die Assoziationen vorgeführt
werden, ordnen sich um den plastischen Ausdruck.«

Daß »der Jude« sich in der Welt des Impressionismus zuhause fühle, daß der
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