Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 12.1917

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BESPRECHUNGEN. 243

»Verstand die einfache Anschauung sprenge«, daß die Bewegtheit der impressio-
nistischen Welt den Juden so mit sich nehme wie er sei, all das ist mir unverständ-
lich. Diese Behauptungen lassen sich unter Hinweis auf das Buch der Bücher, auf
das Alte Testament mit seinem gewaltigen, allem impressionistischen Wesen ab-
holden Expressionismus gerade in ihr Gegenteil umkehren.

Auch scheint mir die in den letzten Monaten besonders häufig vertretene An-
sicht von der »Verstandeskunst« des Impressionismus, so wie sie auch von Picard
behauptet wird, den Tatsachen zu widersprechen. Es mag sich nun um Impres-
sionen des Lichtes (der Helligkeitsgrade), des Farbengeflimmers oder der Linien-
bewegung im weitesten Sinne des Wortes handeln, stets handelt es sich um ein
gefühlsmäßiges Erfassen eines besonderen Gegebenen in der Außenwelt. Niemals
ist ein Bild von Max Liebermann oder von van Gogh ein Rechenexempel. Wenn
Beide in der Formung des einzelnen Kunstleibes eine Unzahl von Beziehungen auf-
gewiesen und betont haben, so handelt es sich bei Beiden um eine künstlerische
Selbstbesinnung, die auf literarische Elemente — sie mögen an sich noch so wert-
voll sein — mit klarem Bewußtsein Verzicht leistet. Denn es gibt neben den schwer
verständlichen, der Phantasie entsprungenen Formen extrem expressionistischer
Richtung, für die sich Picard einsetzt, der Wirklichkeit entnommene, die Wirklichkeit
nur auf ihren Gefühls- und Stimmungsgehalt wertende Formen, deren gedankliche
Bedeutung auch für den Schaffenden nicht in den Blickpunkt des Bewußtseins rückt.

Wenn man sich ferner gegenwärtig hält, daß der Impressionismus der letzten
fünfzig Jahre sowohl in der Augenkultur, und das bedeutet zugleich in der Ge-
schmackskultur, wie im rein Handwerklichen, in der Entwicklung der Technik, einen
gewaltigen Aufschwung der Malerei bedeutet, zu dem die deutschen Künstler ihr
gut Teil beigetragen haben, so wird man endlich in der absoluten Verwerfung des
Impressionismus zugunsten expressionistischer Bestrebungen eine bedauerliche, hoffent-
lich bald verschwindende Modekrankheit erblicken. Auch sei daran erinnert, daß
die Sinngehalte Impressionismus und Expressionismus Hilfsbegriffe sind, die sich
in gedanklicher Reinheit im Kunstwerk niemals verwirklichen.

Berlin. ___________ Alfred Werner.

Hans Hildebrandt, Krieg und Kunst. 8°. 340 S. mit 36 Abbildungen.
R. Piper & Co., München.

In seiner »Einführung« behandelt Hildebrandt das Verhältnis der Künstler zum
Kriege im allgemeinen. Er kommt zu dem Ergebnis, daß der Künstler hier meist
beiseite stehe. Die Ausnahmen, bei denen Künstler aus eigenem Antrieb eingreifen,
»wie dies am häufigsten bei Dichtern vorkommt, wenn die Vorstellung eines Helden-
lebens den Wunsch nach Umsetzung in die Wirklichkeit erregt«, bestätigen die
Regel. Eine andere Frage ist es, ob der nach außen hin meist untätige Künstler
dem großen Ereignis »mit höchstem leidenschaftlichem Interesse beobachtend« oder
gleichgültig zuschaut. Das hängt nach Hildebrandt allein davon ab, »ob der Krieg
mit seinen mannigfaltigen Wirkungen seinem Schaffen Stoff werden kann. Ist diese
Möglichkeit gegeben, so sammeln sich seine gestaltenden Energien auch um die
Erscheinungen eines Krieges — wie bei einem anderen um schöne Körper, um die
Wunder einer Landschaft oder um die seltsamen Schicksale einer Seele« (S. 22).

Bei den unmittelbaren, zerstörenden Wirkungen des Krieges auf die bildende
Kunst nennt Hildebrandt an erster Stelle die Vernichtung der Werkeschöpfer selbst.
Der Verlust liegt nicht allein darin, daß die Welt auf Werke verzichten muß, die
itngeschaffen, »für den Einen, dessen inneres Auge sich an ihnen ergötzte«, schon
lebendig waren. Die fortzeugende Kraft der genialen Persönlichkeit liegt in ihrer
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