Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 12.1917

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372 BESPRECHUNGEN.

Geistigkeit dadurch, daß er ein bestimmtes Material durchstrahlt. Da nun dieser
Typus in sich wertvoll ist, wird all das Wertvolle gehoben, das auf dem Wege
seines Wesens verborgen liegt. Er hat die Wünschelrute, die Wasser aufspürt.
Und zum Schluß brauche ich nur noch zu sagen, daß dieses Rembrandtbuch ein
»echter Simmel« ist.

Rostock. Emil Utitz.

A.Werner, Impressionismus und Expressionismus. Leipzig und Frank-
furt a. M., Kesselringsche Hofbuchhandlung 1917. 58 S.

Der Verfasser lehnt den Impressionismus und den Expressionismus als Ein-
seitigkeiten ab und fordert einen Ausgleich ihrer beiderseitigen Tendenzen und die
Vereinigung ihrer Elemente in Einem: das ist ihm das »klassische«- Kunstwerk,
nicht im historischen, sondern im sachlichen Sinne. M. Klinger erscheint als Bei-
spiel dafür. Die Stellungnahme des Verfassers basiert auf seiner grundsätzlich dua-
listischen Auffassung des Kunstwerkes, wie sie schon aus seiner Studie »Zur Be-
gründung einer animistischen Ästhetik« (IX. Bd. dieser Zeitschrift) bekannt ist. In
der vorliegenden Arbeit macht der Verfasser zugunsten dieser seiner Anschauung
mit Nachdruck die Analogie geltend, die zwischen den von ihm betonten Elementen
des Kunstwerkes und den Bestandteilen des Kompositums Mensch besteht (S. 8 ff.,
18 f., 42). Ja er glaubt, diese dualistischen Prinzipien: Körper und Seele, »überall
in der Welt« zu finden (S. 56).

Als die Elemente des Kunstleibes betrachtet der Verfasser: Licht, Farbe,
stoffliche Oberfläche, Gestalt, Bewegung (S. 27), Technik (S. 27) und Komposition
(S. 13, 15; doch S. 13 f., z. v. 58, ist davon die Rede, daß die Komposition im wei-
teren Sinne auch auf die Kunstseele übergreift). Die Kunstseele ist für den
Verfasser »die stoffliche oder gedankliche Bedeutung eines Werkes« sowie »alle
Gefühle und Stimmungen, die sich an einzelne Farben und Formen wie an ihre
absichtlich oder unabsichtlich erzielte Harmonie oder Disharmonie schließen«
(S. 26 f.), oder kürzer, der seelische oder gedankliche Gehalt (z. v. S. 42): bei großen
Kunstwerken große Gedanken und starke Gefühle (S. 35), das Menschlich-Bedeu-
tungsvolle, von dem Volkelt spricht, bemerkt jetzt der Verfasser, während er in der
früheren Arbeit es ausdrücklich als falsch bezeichnete, daß Volkelt das Menschlich-
Bedeutungsvolle allein als Genußobjekt hinstellt (IX. Bd. dieser Zeitschrift S. 404).
Sollte darin der Ausgleich zu finden sein, daß die vorliegende Schrift das Mensch-
lich-Bedeutungsvolle der großen Kunst zuspricht (S. 35)? Aber: einmal ist dieses
Herausheben der großen Kunst doch, wie der Zusammenhang ersehen läßt, bedingt
durch den Gegensatz zu den »einseitigen« impressionistischen Werken, und dann
leidet dadurch auch der Begriff der Kunstseele Einbuße an der für ihn notwen-
digen Einheit und Geschlossenheit. Schließlich aber ist zu erkennen, daß der Ver-
fasser vom »Ausdrucksvollen« sich soviel abwandte als er sich dem »Ethisch-Wert-
vollen« — von dem u. a. Lipps sprach — annäherte: man vergleiche nur des Ver-
fassers Urteil über Rodins »Vieille Heaulmiere« in seiner früheren Arbeit (a. a. O.
S. 405) mit seinem jetzigen Wort über Corinths weibliche Akte (S. 29).

An die Unterscheidung von Kunstleib und Kunstseele schließt sich für den Ver-
fasser eine andere grundlegende enge an: es ist die des Künstlerischen und des
Ästhetischen oder, subjektiv-psychologisch gewendet, der künstlerischen und der
ästhetischen Einstellung. »Die ästhetische Einstellung sieht aus ihren Gegenständen,
die im Reiche der Natur, der Kultur und Kunst liegen, nur den seelischen Gehalt,
vor allem Gefühle und Stimmungen heraus . . . Die künstlerische Einstellung da-
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