Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 22.1928

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BESPRECHUNGEN.

Drama lauschenden Dritten zu entwickeln versucht (20 ff.), scheint mir für seine
Behauptung: kein Drama ohne Schauspieler nichts zu beweisen. Denn der Dritte
wie der Gesprächsgegner selbst sind der dramatischen Dichtung immanent, wäh-
rend Publikum wie darstellender Mime der Schicht des Kunstwerks immer tran-
szendent bleiben. Wie verträgt sich überdies jene Ableitung mit Flemmings anderer
Behauptung, das typisch Epische sei das Gegenüberstehen des Hörers, während
derselbe im Dramatischen »darinstecken« solle? Der »Hörer«, d. h. das wirkliche,
die — sei es nun epische oder dramatische — Dichtung aufnehmende Bewußtsein,
steht dem als solchem unwirklichen Seinsgebiet des Kunstwerkinhalts stets gegen-
über«. Die immanente Gestalt der Epik schließt ihrem Wesen nach aber den fik-
tiven -Erzähler« ein, während die Dramatik, ihrem Wesen nach ohne fiktiven
Mittler, erst recht keines körperlich-wirklichen bedarf, um in der idealen Sphäre des
Kunstwerks fertig« zu sein.

In dieser freilich grundlegenden Frage scheidet sich meine Auffassung aller-
dings von der des Verfassers. Trotzdem stehe ich keinen Augenblick an, seiner
Schrift -Epik und Dramatik- wahrhaft fördernde Bedeutung für die Klärung der in
Frage stehenden Probleme zuzuerkennen.

Greifswald. Kurt Gassen.

Ermatinger, Emil, Barock und Rokoko in der deutschen Dichtung.
Leipzig-Berlin, Teubner, 1926. VI, 186 S. 7,50 M., geb. 9 M. (»Gewalten und
Gestalten«, 4.)

Seit etwa einem Jahrzehnt erfreut sich das »Barock«-Zeitalter der deutschen
Dichtung besonderer Beachtung seitens der Literarhistoriker. Diese Erscheinung
geht parallel der gleichfalls gesteigerten Aufmerksamkeit, die dieselbe Zeit und Stil-
phase innerhalb der bildenden Kunst erfuhr und noch erfährt. Verweilte man hier
sonst vornehmlich bei der Renaissance, um dann beschleunigten Schrittes zu Klassi-
zismus, Romantik und der Entwicklung des 19. Jahrhunderts überzugehen, so fand
man nun gerade in der zwischen diesen Stilphasen liegenden Spanne ganz eigene,
neuartige Lebenserscheinungen, die der Forschung ganz besondere Fragen stellten.
Ebenso ist man in der Literaturbetrachtung jetzt geneigt, das früher bevorzugte
Hineilen zu Klassik, Romantik und der folgenden Zeit zu gunsten einer eingehen-
den Betrachtung des »Barock« zu unterbrechen. Verhältnismäßig viele und ausführ-
liche Darstellungen namhafter Literarhistoriker sind im letzten Jahrzehnt dieser
Epoche gewidmet worden. Fritz Strich etwa behandelte -den lyrischen Stil des
17. Jahrhunderts« '), Rudolf v. Delius (»Deutsche Barocklyrik«)2) zeichnete skizzen-
haft stilistische Porträts dieser Zeit, Arthur Hübscher stellte dar das »Barock
als Gestaltung antithetischen Lebensgefühls«"), Friedrich Gundolf (»Opitz«)4)
entwarf ein eindringendes Bild des Dichters, der an ihrem Beginn als eindrucks-
vollste und einflußreichste Persönlichkeit steht, die Grimmelshausen-Forschung nahm
einen besonderen Aufschwung5), Herbert Cysarz schließlich lieferte eine um-

') In: »Abhandlungen zur deutschen Literaturgeschichte, Franz Muncker zum
60. Geburtstage dargebracht«. München, Beck, 1916.
2) Stuttgart u. Heilbronn, Seifert, 1921.
:;) In »Euphorion« 24 (1922), S. 517 ff., 759 ff.
') München, Duncker u. Humblot, 1923.

5) Bechtold, Artur, J. J. Chr. v. Grimmelshausen und seine Zeit. Heidelberg,
Winter, 1914 (Titelaufl. 1919); Borcherdt, Hans Heinrich, Die ersten Ausgaben von
Grimmelshausens Simplizissimus. München, Stobbe, 1921; Lochner, Rudolf, Grimmels-
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