Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 22.1928

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BESPRECHUNGEN.

dem in Museen und auf Reisen, am stärksten durch den Umgang mit Künstlern
und zeitgenössischer Kunst (S. 40). Auch von Grundfragen der strengen Philosophie
und der Weltanschauung ist die Rede. »Alle Transzendenz, Metaphysik« sieht
Schlosser in Croces Philosophie »wirklich ebenso überwunden wie alle ,Geschichts-
philosophie', überwunden d. h. ,aufgehoben' in dem tiefen historischen, zuerst von
Schelling geprägten Doppelsinn des Wortes« (S. 124). Und Woermann denkt au die
Zeit voraus, in der »die dualistische Weltanschauung, mit der die jüngste Zeit sich
brüstet, einmal wieder einer einheitlicheren Platz gemacht haben wird . . .« (S. 227).

Dem Text — der nicht ganz frei ist von Druckfehlern (S. 22 z. B.; S. 109 ist
der Name des Münchner Hildebrand irrtümlich mit dt geschrieben) — ist das Bild-
nis des jeweiligen Verfassers beigegeben. Da fällt es auf, so gut die Lichtbilder
etwa von Gurlitt, Schlosser, Strzygowski sind, daß nur in einem Fall das Werk
eines Künstlers zur Verfügung stand. Man vermißt gerade da den Beweis der
lebendig-persönlichen Beziehung zur lebenden Kunst. Oder liegt es an den
Künstlern?

München. __ Georg Schwaiger.

W. Fritzsche, Soziologie der Kunst. Staatsverlag 1927 (Russisch; ins Japa-
nische übersetzt).

Bei dem europäischen Leser ist ein großes Interesse für die russische Kunst
und Kunstwissenschaft vorauszusetzen. Die soziale und politische Ordnung ist in
Osteuropa gründlich umgestaltet worden, und darum ist jeder Westeuropäer begierig
zu erfahren, ob dadurch soziale Werte, wie Kunst und Kunstwissenschaft, nicht
etwa gelitten haben, oder vielleicht sogar zugrunde gegangen sind. Bekanntlich hat
einmal ein deutscher Dichter folgende Befürchtung ausgesprochen: »Wenn alle
Hände arbeiten müssen, wer wird die Lilien pflegen?« Das gegenwärtige Rußland,
in dem die Arbeiter und Bauern die Macht haben, scheint mir ein Beweis dafür,
daß diese Furcht grundlos ist. Denn im neuen Rußland werden Kunst und Kunst-
wissenschaft sorgfältig gepflegt. Auch Hegels Satz, daß die Kunstwissenschaft erst
blühen kann, wenn die Kunst verblüht ist, wird durch die Erfahrungen in Rußland
widerlegt.

Eine Reihe von Anstalten zur Erforschung der Kunst sind während der letzten
10 Jahre gegründet worden: ein wissenschaftliches Institut für Soziologie und
Archäologie, sowie ein Institut für Literatur und Sprache in Moskau, eine Abteilung
der kommunistischen Akademie in Moskau für Erforschung der Literatur und Kunst;
die staatliche Akademie für Kunstwissenschaft und der Staatsverlag geben eine
literaturwissenschaftliche Enzyklopädie heraus; das vor 15 Jahren in Leningrad von
dem Grafen Lubow gegründete Institut für Kunstwissenschaft ist nicht bloß aus-
gezeichnet erhalten, sondern auch vielfach erweitert worden. Ebenso liegt bereits
eine ganze Anzahl neuer russischer kunstwissenschaftlicher Bücher vor. In erster
Linie erfordert das bahnbrechende Buch von Professor Fritzsche: Soziologie der
Kunst« das größte Interesse. Der Verfasser begnügt sich nicht mit den kunstwissen-
schaftlichen Kategorien: Zeitstil, Volksstil, Rassenstil; ihn befriedigen auch die Prin-
zipien, die Wölfflin, Riegl usw. aufgestellt haben, nicht. Er verneint keine von den
erwähnten Errungenschaften der europäischen und besonders der deutschen Kunst-
wissenschaft. Er versucht aber, die immanente Gesetzmäßigkeit der Kunst an die
wechselnde Verfassung der Gesellschaft anzuknüpfen. Er bemüht sich, eine Erkenntnis-
theorie für die konkrete Kunstwissenschaft von einer neuen Seite, und zwar von
der soziologischen her, zu schaffen. Die Entstehung, die Blüte und der Verfall irgend
eines Stils, die Herrschaft der Statik und der Dynamik in der Kunst, die Vorliebe
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