Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 22.1928

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BESPRECHUNGEN.

Das Verdienst des vorliegenden Buches sehe ich vor allem darin: Es weist von
seinem Gesichtspunkt aus in exakter Forschung die ungeheure Lebensenergie nach,
die in den mystischen Spekulationen von der Art der Plotinischen steckt, zeigt sie
in transzendental gestimmten Epochen immer wieder mächtig, sei es, daß sie aus
ihren verborgenen Kanälen wieder ans Licht steigen, oder daß sie neu und unver-
mittelt ähnlich empfangen werden. Es macht besonders für das Geistesleben des
18. Jahrhunderts und der deutschen Klassik, mit Goethe im Mittelpunkt, dessen vielfach
gepflogene einseitige Betrachtung mehrfach revidiert werden kann, die Getränktheit
mit uralter, immer wiederkehrender irrationaler Weltschau deutlich. Und damit streift
es mit einem Scheine ein anderes Thema, dem sich heute immer mehr die Aufmerk-
samkeit der Literaturwissenschaft zuwendet: Auch dieses Buch ist ein Wegbereiter
der Erkenntnis, der Korff tatkräftig die Bahn eröffnet hat, daß deutsche Klassik und
deutsche Romantik, unbeschadet aller festzuhaltenden Unterschiede der Lebensrich-
tung, wesentliche geistige Grundlagen gemeinsam haben.

Berlin. Felix Scholz.

Franz Koch, Schillers philosophische Schriften und Plotin. Leipzig,
J.J.Weber, 1926.

Die kleine Schrift betrachtet sich selbst als Ergänzung zu der kürzlich er-
schienenen größeren Arbeit über »Goethe und Plotin«. Erst im Zusammenhang mit
dieser wird auch ihr Wert recht deutlich. Zeigt die eine, wie der sinnenfromme
Goethe in der Vorstellung des organischen Werdens überhaupt, speziell des Kunst-
werks mit Plotin zusammentrifft, so die neuere, daß auch Schiller, wenn ihm in
seinen ästhetischen Schriften die »Freiheit« als allgemeiner Grundbegriff der ver-
körperten Schönheit gilt, die schließlich selbst wieder zu einem Symbol höherer
sittlicher Schönheit herabsinkt, sich auf jenen berufen könnte. Könnte freilich.
Weiter möchte ich nicht gehen. Denn so sehr zugegeben werden muß, daß auch
Schillers Denken nicht ausschließlich an Kants Dualismus orientiert ist, sondern
Elemente mystischer Richtungen von Jugend an aufgenommen hat, die zum Teil
durch Herders dynamistische Naturanschauung vermittelt oder bestärkt werden, so
bedenklich stimmt doch wieder der sich andeutende Versuch, Schiller dem helle-
nistischen Ägypter unmittelbar zu verpflichten. Hier gelten die gleichen Einwürfe, die
ich bei der Besprechung des größeren Werkes (vgl. S. 233) gemacht habe. Das auch
vom Verfasser zitierte Wort Jacobis über die sonderbare Ähnlichkeit menschlicher
Gedanken und Vorstellungen: »Alle diese Leute haben einen gewissen Tiefsinn —
der sie tiefsinnig macht und sie ungefähr dasselbe finden läßt«, enthält doch mehr
psychologische Realität, als es der Verfasser in der Tat zugesteht. Auf der anderen
Seite müßten angedeutete Unterschiede in den Resultaten der Ästhetik Schillers
und Plotins viel deutlicher kenntlich gemacht werden, wenn ein objektives Bild ent-
stehen soll. Der Nachweis einer direkten Verbundenheit Schillers mit mystischen
Gedankengängen, mit Leibniz ferner und Herder — wobei R. Sommers Thesen ge-
stützt werden — das hierbei zutage tretende Weiterwirken neuplatonischer Ge-
danken durch hundert Verwandlungen hindurch, all das ist schon bedeutsam genug.
Wie sehr Schiller und Goethe im Ziel zusammentreffen, wie Schiller in der Forde-
rung wenigstens des Unendlichen mit der Romantik zusammentrifft, wird in
knappen Sätzen gestreift, ohne daß auf dem beschränkten Raum Gelegenheit wäre,
etwa diesem letzten, sehr interessanten Problem weiter nachzuspüren. Man hat doch
den Gesamteindruck, daß auf 80 Seiten eine genügende Beleuchtung der besonders
schwierigen Situation Schillers kaum erfolgen kann.

Berlin. Felix Scholz.
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