Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 22.1928

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BESPRECHUNGEN.

Ein dritter Aufsatz über »die Anfänge der Kunst und die Theorie Darwins«
steht den modernen Fragestellungen ganz fern; er geht auf einen 21 Jahre zurück-
liegenden Vortrag in der Naturforschenden Gesellschaft zu Basel zurück und wurde,
wie der Verfasser selbst sagt, »weniger wegen seines kritischen Inhalts« aufgenom-
men, nur als Ansprung zur Flaubert-Skizze.

Hamburg. Klaus Berger.

Robert Vischer, Drei Schriften zum ästhetischen Formproblem.
Aus der Sammlung: Philosophie und Geisteswissenschaften. In Verbindung
mit Heinrich Maier, Georg Misch, Eduard Spranger und Emil Wolff heraus-
gegeben von Erich Rothacker. 6. Bd. der Neudrucke. Halle a. d. Saale, Max
Niemeyer, 1927. 78 S.
Offenbar ist dieser Neudruck als Ehrengabe für den achtzigjährigen Sohn des
großen Ästhetikers Fr. Vischer gedacht, für den verdienstvollen Kunstforscher, dem
wir seit 6 Jahren die würdige Neuauflage des väterlichen Gesamtwerkes zu ver-
danken haben. Die Schrift enthält Robert Vischers 1872 erschienene Inauguraldisser-
tation: »Uber das ästhetische Formgefühl« und zwei kleinere Zeitschriftenaufsätze
aus den Jahren 1874 und 1890. Es handelt sich um interessante problemgeschicht-
liche Dokumente von nicht unerheblichem Quellenwert. Die Dissertation versetzt
uns in die Aera Robert Zimmermanns, in die Zeit der Spannungen zwischen Fr.
Vischers Gehaltsäsfhetik und dem Formalismus der Schule Herbarts. Aus dieser
Auseinandersetzung entwickelte sich im fünften Heft der »Kritischen Gänge* die
bekannte Revision des »Systems« und der Gedanke einer Formsymbolik, den der
Sohn in seiner Dissertation aufnimmt und weilerzuführen sucht. Die geschichtliche
Kontinuität verbürgt die bleibende Bedeutung dieser Arbeit. »Hier ist der Punkt«
— R. Vischer, der Sohn, möge mir dieses Zitat aus der Besprechung seiner Schrift
durch Zimmermann (Philosoph. Monatshefte Bd. IX, S. 91) verzeihen — »wo, ein
interessantes Schauspiel in der Geschichte der Ästhetik, der Sohn in die ,Lücke'
(Kritische Gänge V, S. 140) ergänzend eintritt, welche der Vater eingestanden hat«.
Aber nicht bloß als Versuch der Vollendung des väterlichen Lebenswerkes, auch
durch den entschiedenen Willen zu neuer ästhetischer Zielsetzung heischt die Schrift
Beachtung. Hier nämlich tritt der von Herder ausgehende, von Fr. Vischer und
Lotze gelegentlich herangezogene Begriff der Einfühlung zum ersten Male in den
Mittelpunkt der Erörterung. Es findet sich im Keim vorgebildet, noch unbekümmert
um phraseologische Besorgnisse und Probleinspaltungen, was sich später besonders
durch die Untersuchungen von Lipps und Volkelt in ein schier unübersehbares Ge-
flecht von Begriffsanalysen verästelt hat. Aus naheliegenden Gründen muß von einer
kritischen Berichterstattung über den Inhalt der Schriften Abstand genommen werden.
Nur einige Hinweise mögen der allgemeinen Orientierung dienen. Die Selbsttätig-
keit des Zuschauers spielt für R. Vischer beim Erarbeiten der Form eine erhebliche
Rolle. Sie führt bei jeder Objektvorstellung zu einer sie begleitenden »Selbstvorstel-
lung«, bei der ich mir innerlich meinen eigenen Leib vergegenwärtige«. Er beruft
sich auf Vorgänge des Traumlebens, bei denen durch Muskelreize Vorstellungen
von Bewegungsreizen ausgelöst werden können, und überträgt diese Beziehungen
auf den Prozeß ästhetischen Schauens. Bildreize lösen in uns motorische Vorstel-
lungen aus und führen zu einer Dezentralisierung unseres Ich, zu einer Hinaus-
verlegung und Verschmelzung mit dem Objekt, zu einer Weitung der Selbstvorstel-
lung zum Ganzen der Erscheinung. Allen Raumveränderungen tasten wir mit
liebenden Händen nach. Wir klettern empor an dieser Tanne, wir recken uns an
ihr selbst empor, wir stürzen in diesen Abgrund usw.« Wir »supponieren« unsere
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