Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 22.1928

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BESPRECHUNGEN.

ausbeißen können. Und gerade der Psychologe hat hier noch vieles aufzuhellen,
»was vom Menschen nicht gewußt oder nicht bedacht durch das Labyrinth der
Brust wandelt in der Nacht«. Was für psychisch-ästhetische Vorgänge sind z. B. im
Spiel, wenn viele unserer größten Komponisten eine ganz merkwürdige Vorliebe
für bestimmte Tonarten und wohl auch eine Aversion gegen andere erkennen
lassen? Was war es. das einem Johann Sebastian am H-moll so ausnehmend gefiel,
daß er diese Tonart ganz unverhältnismäßig oft wählte? was hat anderseits einen
Beethoven veranlaßt, eben diese Tonart so gut wie völlig zu meiden und ihr selbst
als Durchgangstonart die denkbar geringste Bedeutung einzuräumen? (außer dem
Agnus dei der Hohen Messe weiß ich kein Tonstück Beethovens, das in H-moll
steht, zu nennen). Beethoven legt statt dessen eine ausgeprägte Vorliebe für C-moll
und As-dur an den Tag. Bekannt ist ja auch Mendelssohns Bevorzugung des A-dur,
A-moll, E-dur und besonders E-moll. Oder um ein neueres Beispiel zu nennen,
man schlage etwa das in der Männerchorliteratur wohlbekannte »Kaiser-Liederbuch«
auf und stelle in den Beiträgen Georg Schumanns hierfür den geradezu verblüffend
hohen Anteil der im entlegenen H-dur vertonten Chöre fest.

Jeder Versuch, solche musikalisch-psychologischen Rätsel aufzuhellen, verdient
Dank und Anerkennung. Stephanis fleißige und wertvolle Schrift darf dabei fortan
mit in erster Reihe genannt werden.

Düsseldorf-Oberkassel. Richard Hennig.

Hans Joachim Moser, Geschichte der deutschen Musik.

Mosers Buch ist viel angegriffen worden, und ganz gewiß bietet es in seinem
Zurückweichen vor Problemstellungen Angriffspunkte genug. Aber die positive
Leistung scheint mir doch noch schwerer zu wiegen: dank ungeheurer, bewunderns-
werter Arbeitskraft, dank persönlicher Beziehung zu den Dingen und einer beneidens-
werten Gabe, sie leicht zu gestalten und fesselnd darzustellen, haben wir ein Ge-
schichtswerk, das nicht nur den Musikern und Musikfreunden, sondern auch Musik-
historikern ein verläßlicher, liebenswürdiger und klarer Führer ist. Wem die Verbreitung
musikgeschichtlicher Kenntnis am Herzen liegt, der muß sich freuen, daß unsere
an lesbaren Büchern nicht eben gesegnete Literatur um ein Buch von so großer
Werbekraft bereichert ist. Gerade unter diesem Gesichtspunkte bedaure ich freilich,
daß die drei Bände (wozu »II 1« und »II 2«?) mit Fußnoten überschwemmt sind,
die zum Teil so lebendige und anschauliche Beiträge zum Haupttext bilden, daß
man sie nicht übersehen möchte und daher immerfort zwischen den Wünschen, das
Textlesen nicht zu unterbrechen und doch ja keine Anmerkung zu versäumen, hin
und her geworfen wird. Ich glaube, die Hereinnahme der bezeichnenderen Fuß-
noten und die Beschränkung der Anmerkungen auf Literaturangaben würde sehr
freudig begrüßt werden.

Berlin. Curt Sachs.

Deutsche Musikpflege, herausgegeben von J. L. Fischer. Frankfurt a. M.,
Verlag des Bühnenvolksbundes.
Aus der verwirrten Lage der musikalischen Gegenwart heraus versucht das vor-
liegende Handbuch an die Probleme praktischer Musikpflege heranzutreten und sie
zu umspannen. Aus dem Charakter des Sammelbandes entsteht notwendigerweise
Beschränkung und Fülle zugleich. Die Bewertung der Leistung ist dabei zunächst
eine Stellungnahme zum Redaktionsprinzip. Diesem kann im vorliegenden Falle un-
eingeschränktes Lob gezollt werden. Es ist in der Tat gelungen, was solchen Sam-
melbänden nur selten gelingt, vielseitig, ja universell zu sein, ohne doch die Ein-
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