Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 22.1928

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BESPRECHUNGEN.

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Eyckschem Naturalismus stärker spricht als das Verbindende des Zusammenhangs
im Formalen. Dvofdk ist damit der Krise des Historismus, gegen die er sich tapfer
und entschieden gewehrt hatte, denn doch erlegen. Das Zeugnis des noch Sieg-
reichen und unter nicht unguter Fahne Vordringenden muß uns in der gegenwärtigen
wissenschaftlichen Situation Zuversicht und Einsicht gewähren und deshalb doppelt
erfreulich aufgenommen werden.

Hamburg. Klaus Berger.

Curt Glaser, Die ostasiatische Plastik. Berlin 1925. Die Kunst des Ostens,
herausgegeb. von William Cohn. Bd. XI. 100 S. mit 172 Tafeln u. 15 Text-
abbildungen, gr. 8°.

Es ist der erste Versuch einer stilgeschichtlichen Darstellung der Bildnerei Ost-
asiens, den Glaser hier auf Grund einer vortrefflichen Auswahl meist ausgezeichnet
abgebildeter Denkmäler unternimmt. Die Zusammenfassung der chinesischen und
japanischen Plastik in abwechselnder Betrachtung der gleichen Zeitläufe erweist
sich durch den überwiegend parallelen Entwicklungszusammenhang als innerlich
vollberechtigt. Glaser weiß daraus bei aller Vorsicht mit feinem Verständnis Rück-
schlüsse zu ziehen, die besonders die Lücken der Entwicklung in China, wo uns
auf weiten Strecken die Denkmäler fast gänzlich fehlen, durch das Gegenbild der
japanischen Kunst auszufüllen. In der Tat herrscht in diesem ganzen Kunstkreise
ungeachtet der territorialen Sonderung eine noch engere Übereinstimmung, als wir
sie in der abendländischen Kunstentwicklung vor allem für die gotische Stilbildung
zwischen den einzelnen europäischen Ländern wahrnehmen. Eine ausführlichere
Wiedergabe der wesentlichen Ergebnisse an dieser Stelle darf die Untersuchung
aber schon darum beanspruchen, weil sie auch vom kunsttheoretischen Gesichts-
punkt recht lehrreich sind, nicht nur für die allgemeine Einschätzung des plastischen
Gestaltungsvermögens der Ostasiaten im Vergleich mit dem abendländischen, son-
dern auch für die gesetzmäßigen Beziehungen, die sich innerhalb der Gestaltungs-
vorgänge selbst auf ostasiatischem Boden beobachten lassen. Wenn ich in der Be-
urteilung einzelner Tatbestände zu einer etwas abweichenden Auffassung komme,
so liegt der Grund eben darin, daß sie von solchen Voraussetzungen aus auch
eine andere Erklärung zulassen und nahelegen. Während nämlich der Verfasser,
wie die Kunstforschung überhaupt, fast nur mit der fortschreitenden Entfaltung der
Darstellungsformen rechnet, scheint mir, um es kurz vorweg zu sagen, auch ihre
Rückbildung in den Anfängen der ostasiafischen Bildnerei eine sehr wirksame Rolle
zu spielen.

Von grundlegender Bedeutung für die vergleichende Kunstwissenschaft ist zu-
nächst die kaum zu bestreitende Tatsache des bodenständigen Ursprungs der alt-
chinesischen Kunst. So wenig sich die ornamental stilisierten Tiergestalten der
Bronzegefäße aus der noch sagenhaften Vorzeit von der vorder- oder zentralasia-
tischen Zierkunst ableiten lassen — eher wird man meines Erachtens vielleicht eine
gemeinsame Wurzel mit den ältesten sibirischen und skythischen Schmuckformen
vermuten dürfen —, können wir irgendwo Vorbilder der sepulkralen Tierkolosse der
Hanzeit (206 vor bis 221 n. Chr.) nachweisen. Diese nur noch durch wenige Denk-
mäler bezeugte Steinplastik der Gräber verrät bei aller kubischen Vereinfachung
schon ein unverkennbares Streben zur Naturähnlichkeit. Sie beruht auf durchaus
einheitlicher Anschauungsweise mit der reichlicher belegten Reliefbildnerei der Grab-
steine. Diese nimmt sichtlich ihren Ausgang von einer ebenso geschlossenen, etwas
vertieften Silhoueltenzeichnung, die dann in ein schwaches, innen fast nur graviertes
Flachrelief erhoben wird. Sie kennt schon das Wellenband sowohl als Ornament
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