Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 22.1928

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BESPRECHUNGEN.

Kreitmayer, Joseph, Von Kunst und Künstlern. Oedanken zu alten und
neuen künstlerischen Fragen. Herder, Freiburg 1926. VI u. 250 S. mit Titel-
bild und 48 Tafeln.

Die Gedanken zu alten und neuen künstlerischen Fragen — wie der Untertitel
des Buches lautet — betreffen den künstlerischen Menschen, die moderne Malerei:
Impressionismus und Expressionismus, den Expressionismus, und zwar nach seinen
geistigen Grundlagen und nach seiner Eignung als Kirchenkunst, die primitive Kunst
(in Beziehung zur Religionspsychologie), die kommende Kunst, die konfessionelle
Kunst, die Krisis der christlichen Kunst, die Freiheit der Kunst, den Werkbund.
Daran schließen sich Würdigungen von Albin Egger-Lienz, von Leo Bamberger,
Felix Baumhauer, Otto Grassel. Diese Würdigungen stehen in keinem methodischen
Zusammenhang mit dem Vorausgehenden. Das Buch als Ganzes ist nicht organisch
gewachsen, sondern zusammengesetzt aus Aufsätzen, die zum guten Teil aus Anlaß
von Ausstellungen oder auch von Publikationen im Lauf der Jahre erschienen sind
in einer Zeitschrift, die der Allgemeinbildung auf katholischer Grundlage dienen
will (»Stimmen der Zeit«). Es hätte sich deshalb empfohlen, die Seiten der einzelnen
Aufsätze für sich zu zählen. Ich meine, es hätte das dem Buch ein besseres Gesicht
gegeben. Auch die Spuren des Zeitschriftaufsatzes hätten innerhalb des Möglichen
noch strenger getilgt werden sollen (z. B. S. 14 f., 37 Z. 13—16, 39 Z. 18-23, 51 f.,
96 Z. 19-23, 100 Z. 40-42, 123 Z. 12—14, 135 Z. 38-39, 160 Z. 34-38, 242 Z. 20
bis 22). Es ist doch der Stil von Zeitschriften, die nicht durch Forschung der Sache,
sondern durch Belehrung dem Publikum dienen wollen, wenn von van Gogh es
heißt: »Schon sein häufiger Berufswechsel kündet die innere Unruhe dieses kranken
Menschen, die schließlich in unheilbarem Irrsinn und Selbstmord (1890) endigte«
(S. 36). Den Berufswechsel deutet Meier-Gräfe in seinem Buch »Vincent van Gogh«
mit Recht anders, besser.

Im Vorwort meint der Verfasser, dem einen werden seine Kunstanschauungen
zu konservativ sein, dem anderen zu fortschrittlich, einem dritten zu eklektisch. Ich
für meinen Teil muß gestehen, ich war überrascht, meine eigenen Anschauungen
so nahe bei denen des Verfassers zu finden, wenn auch nicht in allen Punkten.
Zunächst bin ich mit dem Verfasser eins in der Betonung des formalen Faktors im
Kunstwerk (S. 30) und der Formkraft des Künstlers (S. 89). Es ist bemerkenswert, wie
der Verfasser an der Wertung des formalen Faktors festhält (z. v. S. 8, 99, 107) und
wie er von ihr aus die grundsätzliche Freiheit der Kunst zu begründen sucht (S. 234).
Durch die Deutung des ästhetischen Genusses aber kurzhin als Formerkenntnis
möchte doch der ästhetische Genuß zu sehr nach der Seite der formalen Werte ge-
drängt erscheinen. Durch die Form ist doch, trocken logisch gesprochen, etwas ge-
formt. Und gerade das Lebensgefühl des Künstlers, das sich doch in der Form als
Sehform nicht voll ausspricht (z. v. Landsberger, Heinrich Wölfflin S. 79 |2] mit dem
Hinweis auf Zeitschr. für Ästhetik u. allgem. Kunstwissenschaft X, 1915, S. 469 f.),
gehört wesentlich zum Kunstwerk. Der Verfasser kommt selber zu dieser Ergänzung
(S. 167). Ja an anderen Stellen (S. 29, 31; z. v. S. 8) geht er in der Betonung des
Inhaltlichen so weit, daß man seine grundsätzliche Wertung der Form darin schlecht-
hin nicht mehr erkennen kann. Dagegen vermißt man wieder im Aufsatz über die
Kunst von Egger-Lienz das über das Formale hinausgehende Aufsuchen der Wurzeln
dieser Art von Kunst in Rasse und Volk, wie es Konrad Weiß in seinem Nekrolog
in wirklich glücklicher Weise versucht hat (Münchner Neueste Nachrichten Nr. 306,
5. November 1926). Eins bin ich mit dem Verfasser auch in der positiven Wertung
des Expressionismus — mag er schon vorüber sein oder nicht: >es war immerhin
die Richtung zum Geistigen eingeschlagen (S. 33, z. v. S. 67, 71, 89, 100 f. u. a ).
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