Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 22.1928

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BESPRECHUNGEN.

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tungen nachzugehen. Hier sammelt er aus bekannten Beispielen der Weltliteratur
Züge, mit denen gemeinhin der Humorist gekennzeichnet wird. Den Ertrag freilich
hätte man meines Erachtens wohl reichhaltiger erwarten können. — Eine sehr ge-
wichtige Darstellung dagegen widmet Julius Petersen dem »Goldenen Zeitalter bei
den deutschen Romantikern«. Petersen hat erst vor kurzem eine umfangreiche Studie
>Wesensbestimmung der deutschen Romamik« veröffentlicht1); hier hebt er nur
ein Moment heraus, verfolgt dieses aber mit bewunderungswürdiger Weite und
Eindringlichkeit. — -Die dichterische Autobiographie seit Goethes ,Dichtung und
Wahrheit'« beleuchtet Martin Sommerfeld in einer kurzen Übersicht, indem er den
verschiedenen Möglichkeiten autobiographischen Schaffens nachgeht, vor allem der
Doppelheit Selbst schau und Selbst d a r s t e 11 u ng und der Dreiheit Tagebuch,
Memoiren, eigentliche Autobiographie. Den hervorragenden Autobiographien seit
Goethe wird hier unter jenen Gesichtspunkten feinsinnige Kennzeichnung gefunden.
— Rudolf Unger schildert in eindringlicher Weise »Conrad Ferdinand Meyer als
Dichter historischer Tragik«. — Wenn man sich in vorliegendem Buche irgendwo
zu grundsätzlichem Widerspruch aufgefordert findet, so geschieht das gegenüber
Christian Janentzkys Studie »Shakespeares Weltbild, das Tragische und Hamlet«.
Wenn der Verfasser in Shakespeares Welt mit betonter Ausschließlichkeit nur »Züge
des Blinden, Willkürlichen, Chaotischen, von wo aus man sie ansieht« findet, »nir-
gends der Ausblick offen auf eine Ordnung, Einheit, Weltgesetzlichkeit«, wenn er
von Souveränität des Affektiven und Vitalen, .. . faktische(r) Normlosigkeit des
eigentlich Lebendigen«, i Relativierung und Vernichtung des Menschlichen durch
die irrationale Dynamik des Lebens«, »Tragik dieser notwendigen Blindheit des
normlos Großen spricht und in Hamlet unter dieser Blickrichtung die »Tragik der
versagten Tragik« sieht —, so wird man ihm nur sehr bedingt stellenweise zu-
stimmen können, in seiner Deutung manche Verzeichnung von Shakespeares Wesen
erblicken müssen. — Neben Petersens Beitrag erscheint mir von größter Bedeutung
der Viktor Kleniperers »Jeanne d'Arc als dichterische Gestalt . Mit weitem Blick und
prächtiger Beherrschung aller Mittel, die solche stilvergleichende Untersuchung
ertragreich und zugleich in höchstem Sinne anregend machen, werden die Jeanne-
d'Are-Darstellungen von Chapelain, Voltaire, Schiller, Michelet, Peguy, Anatole France
und Shaw, mitunter sehr eingehend, gekennzeichnet. Im Mittelpunkt der Unter-
suchung steht die (zuerst von Schiller erreichte) Vermenschlichung Johannas und
deren Verhältnis zum (gleichwohl bleibenden) übernatürlichen Wesen. Wichtige
Unterschiede zeitlicher, nationaler, persönlicher Stile kommen zur Sprache. — Artur
Kutscher, auf dein Gebiet der Theatergeschichte bereits durch zwei größere Unter-
suchungen bekannt ), kennzeichnet gedrängt aber lehrreich »Das Naturtheater. Seine
Geschichte und sein(en) Stil«. — Umfassender handelt Hans Heinrich Borcherdt
über »Der Renaissancestil des Theaters«. Er will an diesem Einzelthema zeigen,
wie Theatergeschichte nicht als Teil der Kultur-, Kunst- oder Literaturgeschichte
und Philologie, die ihrerseits natürlich Voraussetzungen für sie beibringen, sondern
wegen der unvergleichlichen Eigenart ihres Gegenstandes als selbständiger Zweig
der Kunstwissenschaften behandelt werden müsse. Raumgestaltung, Bühnenbild,
Schauspielkunst sind für sie die entscheidenden Faktoren. Es wird weiter gezeigt,
•wie den Stilproblemen der Kunstgeschichte parallele Erscheinungen in der Theater-

') Leipzig, Quelle & Meyer, 1926.

') »Ausdruckskunst der Bühne«. Leipzig, Eckardt, 1910; 4. Tausend. Leipzig u.
Berlin, Oldenburg, 1918. Das Salzburger Barocktheater.. Wien, Rikola-Verlag, 1921;
3- Tausend. 1926.
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