Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 22.1928

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Emil Ermatinger, Krisen und Probleme der neueren deutschen
Dichtung. Amalthea-Verlag, Zürich-Leipzig-Wien 1928, 403 S.
Diese Sammlung von Aufsätzen und Reden aus den Jahren 1919—27, erweitert
um den Aufsatz über Leuthold aus dem Jahr 1906, wiederholt und ergänzt und faßt
zusammen, was der Autor in seinen Büchern aus dieser Zeitspanne geleistet hat
und beansprucht im ganzen, als ein Zeugnis dafür zu gelten, daß mit dieser wissen-
schaftlichen Produktion »der Weg zu einer geistigeren Art der Betrachtung dichte-
rischer Werke und literarischer Probleme« gewiesen ist. Der Anregungs- und Bil-
dungswert all dieser Stücke für unsere Erkenntnisse zur Methodologie der Literatur-
wissenschaft, zur Poetik, zur Geistes- und Stilgeschichte, zur Literaturgeschichte der
Barockzeit und der Schweizer Dichtung des 19. Jahrhunderts steht ganz außer Frage.
Dabei sind jedoch die Äußerungen umso wertvoller und brauchbarer, je konkreter
und beschränkter die Aufgabe gefaßt ist, während mit der zunehmenden Weite und
Tiefe des Problems dem Autor bis in seinen eigenen Sprachstil hinein die Klarheit
getrübt wird und die Schärfe der Entscheidungen wie der Formulierungen ver-
schwimmt. — Allen seinen Entwicklungen und Wertungen liegt an sich Bestreitbares,
das hier nur aufgewiesen und nicht bestritten werden soll, dogmatisch zugrunde,
in ihnen tritt überall als für den Autor notwendige Grundlage und für ihn unwider-
legliche Voraussetzung hervor: in der Hauptsache das Bekenntnis zur klassisch-
romantischen Weltanschauung des >kosmischen Idealismus« als zu dem einzig mög-
lichen, sozusagen allein vornehmen Weltbild des geistig höheren Menschen. Welch
eine willkürliche Setzung heute in der schwersten Krise des Kulturidealismus, der
da bestürmt wird von der Feindschaft der neuen Religiosität und Theologie und
herabgesetzt wird auf der anderen Seite von der Mißachtung und Unkenntnis des
sogenannten »heutigen« Menschen vom amerikanisierten Typus. Jedenfalls, das
ästhetische Werturteil und die literargeschichtliche Methodologie dieses Autors sind
gleicherweise gegründet auf das Bekenntnis zum klassisch-idealistischen Weltbild. Die
bald ausgesprochene und bald nur angewandte Ästhetik seiner Abhandlungen ferner
(gewiß mit der weltanschaulich klassizistischen Haltung notwendig verbunden) ist
für uns heute ebenso sehreine fragwürdig gewordene Voraussetzung, die im ästhetisch-
philosophischen Zusammenhang gründlich in Frage gestellt werden müßte. Für die
Poetik des Autors steht der geistige Gehalt im Zentrum des Dichtwerks, die Deutung
hat ihm den Vorrang vor der Gestaltung. Was in seinem Buch »Das dichterische
Kunstwerk« ausführlicher entwickelt ist, kommt hier in Andeutungen und Behaup-
tungen heraus: die »Idee* als erlebter, nicht etwa nur gedachter Sinn organisiert
den dichterischen »Stoff«, und nach der Bedeutung und Wahrheit solcher Idee wird
der Wert des Kunstwerks entscheidend gemessen. Daher ist des Verfassers Neigung
und Interesse ausschließlich auf die Problemdichtung gerichtet und kann den Auf-
und Niedergang der Dichtungsgeschichte geradezu nach dem Umfang und der Be-
deutung der jeweils dargestellten Problematik bestimmen. Eine weitere und in diesen
Aufsätzen dogmatisch auftretende, einschränkende Definition erfährt die »Idee« (oder
das Problem«) durch die Behauptung, daß sie nur im Konflikt von Sein und Sollen,
von Wirklichkeit und Ideal vorhanden sei und in keinem Konflikt innerhalb der
Wirklichkeit selbst. Von diesem Mittel- und Schwerpunkt geht des Verfassers In-
teresse grundsätzlich und in mehrfacher Anwendung auch auf das Studium des
Stiles, der äußeren Form im weitesten Sinn. Es ist ihm selbstverständlich, daß die
Einheit der Idee bis in alle Einzelheiten der Gestaltung ausgedrückt werden muß;
nur geht diese Behauptung gewiß viel zu weit, daß sie individualisiert werden muß,
daß »Geist« in der Dichtung notwendig »Seele« werden soll oder »zum lebenden
und wirkenden Gemüt eines menschlichen Wesens vereinzelt« werden muß. Wie
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