Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 22.1928

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BESPRECHUNGEN.

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der Turmgesellschaft im Wilhelm Meisler- als ein kaum sehr glücklicher Symbo-
lismus erscheinen, dessen Durchführung im Verlauf des Romans weder sehr klar noch
sehr organisch ist. Dieselbe jedoch als symbolhaftes Darstellungsmittel des nicht
darstellbaren unwillkürlichen in Wilhelm wirksamen Triebes, als Vollstrecker seines
Schicksals, seines eigenen Gesetzes erklären, wie die Verfasserin es tut, ist eine
nachträgliche Sinneindeutung. In solchem Fall verfährt der Darsteller — meist
nicht bewußt, nur instinktiv — folgendermaßen. Er stellt nicht an der Dichtung im
Ablauf ihrer einzelnen Teile den einen ihr immanenten «Sinn« fest, an dem, im
nachträglichen Vergleich gemessen, Einzelheiten derselben auch als nicht sinn-
gemäß gefunden werden können, sondern er nimmt das Nebeneinander der Teile
wie es ist, setzt dessen teleologische Bündigkeit stillschweigend voraus und stellt
nun einen »Sinn« auf, in welchen alle Teile, so wie sie sind, passen. Hier richtet
sich, was dialektisch verdeckt wird, der »Sinn- mechanisch nach dem Befund der
Teile und die Teile müssen dann klärlich sinnvoll erscheinen, da dieser »Sinn« ja
nur ein anderer Ausdruck ihres mechanischen Zusammenhanges ist; dort werden
die Teile, nachdem sie den »Sinn- der Dichtung dynamisch aus ihrem Zusammen-
hang entbunden, in ihrer teleologischen Bedeutung doch letztlich erst an diesem
»Sinn- gewogen und gemessen. Im einen Fall nachträgliche Sinneindeutung,
im anderen gleichzeitige Sinnerkenntnis, gleichzeitiges Sinnverstehen'). Wenn
nun auch die Verfasserin für ihre Eindeutung der Turmgesellschaft das Urteil
Schillers im Brief an Goethe vom 8. Juli 1796 beschwört und an Parzivals »Lenkung«
zum Gral erinnert, so vermag das doch nicht zu überzeugen. Schiller übt an jener
Stelle eben selbst nachträgliche Sinneindeutung ad majorem gloriatn, das Beispiel
Parzivals aber spricht eher gegen als für sie; denn Parzival wird gerade nicht
von irgend einer Stelle, die der Turmgesellschaft vergleichbar wäre, gelenkt, son-
dern geht aus sich den Weg seines Schicksals, erfüllt aus sich »das Gesetz, wonach
er angetreten-.

Greifswald. Kurt Gassen.

Theodor A. Meyer, Friedrich Vischer und der zweite Teil von Goethes
Faust. Rede gehalten bei der Übernahme des Rektorats der Technischen
Hochschule Stuttgart am 5. Mai 1926. Stuttgart, A. Bonz, 1927. 20 S.
Ein Mißverstehen von Faust II, wie das Fr. Th. Vischers, des im Geist des
poetischen Realismus und politischen Liberalismus Befangenen, gibt Anlaß zu einer
sehr klaren, knappen und großzügigen Analyse der Faustidee in ihrer Entwicklung
vom Urfaust als der Tragödie des Unendlichkeitsverlangens im irdischen Dasein zur
neuen Dichtung als Verkündigung des Ausgleichs, der Synthese des Göttlichen im
Irdischen und als eines Aufrufs — im zweiten Teil -, daß man durch sittliche Tat
das Ewige unermüdlich ins Irdische einzubilden strebe. So kommt Faust II ganz
klar und unwidersprechlich als die notwendige Antwort auf Urfaust und den Beginn
von Faust I, kommt der ganze Faust in seiner Sinneinheit und -notwendigkeit aufs
schönste heraus.

Göttingen. Kurt May.

') Vgl. zu dieser verwickelten und schwierigen Frage auch Kurt Gassen, Der
absoluie Wert in der Kunst. Greifswald; Bamberg 1921.
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