Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 22.1928

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BESPRECHUNGEN.

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er den tieferen Sinn unseres technischen Zeitalters zu ergründen. In einer Zeit, da
man der Intuition, dem »Erleben« und »Urerleben« alleinige Bedeutung zusprach,
wies Dehmel auf die Bedeutung des formenden Bewußtseins hin.
New York.

_ Harry Slochower.

Walter A. Berendsohn, Selma Lagerlöf. iMünchen, Albert Langens Verlag,
1927.

An und für sich ist es erfreulich, daß der Verlag Langen eine Biographie über
Selma Lagerlöf erscheinen läßt. Nur ist man ein bißchen erstaunt über die unge-
wöhnliche Größe des hübsch ausgestatteten Werkes von Walter Berendsohn, Pro-
fessor der Literaturgeschichte an der Hamburger Universität. Wird das Publikum
ein so teures Buch über einen Dichter kaufen und lesen?

Die Freude verfliegt rasch genug, nachdem man nähere Bekanntschaft mit dem
Werke gemacht hat. Ich habe noch nie eine Dichterbiographie gelesen, die so an-
spruchsvoll auftritt und so schnell in sich zusammenbricht, wenn sie einer genauen
Prüfung unterzogen wird. Das muß offen herausgesagt werden, gerade weil Pro-
fessor Berendsohn wiederholt erklärt, daß er etwas noch nie Dagewesenes voll-
bracht hat. »Nicht einmal Gundolfs großes Goethebuch hat es sonderlich weit ge-
bracht,^ meint Professor Berendsohn, »obgleich es bahnbrechend war.« Er will
^Goethes Gestalt darstellen in Leben und Werk, als wären beide eins. Dadurch
bleibt für die eigentliche Künstlerschaft Goethes unendlich viel zu tun.«

Wie wenig hat Berendsohn von der eigentlichen Methodik Gundolfs erfaßt!
Gerade die große, einheitliche Anschauung Gundolfs, daß sowohl Leben wie Schaffen
eines wahrhaft großen Künstlers aus derselben Quelle kommen muß, daß sein
Leben Kunst und seine Kunst Leben sein muß, dürfte für das Erfassen Goethes
außerordentlich zutreffen. Da Berendsohn drei Typen von Dichtem in kurzumrissenen
Bildern hinstellt, Strindberg, H. C. Andersen, Goethe, mit der Bemerkung, die Lager-
löf sei Goethe am ähnlichsten, ist es umso bedauerlicher, daß er sich so weit von
Gundolf entfernt. Er klagt darüber, daß eindringliche Charakteristiken der gesamten
dichterischen Leistung für fast alle großen Erscheinungen fehlen. Erstens haben
wir seit Sainte-Beuves Leistungen eine ganze Anzahl vorzüglicher Essays (Brandes,
Walter Pater, Ricarda Huch, Stefan Zweig und andere), die den Kern einer Leistung
herausschälen. Und bedeuten denn Kühnemanns Schiller- und Herder-, Brandes'
Shakespeare-, Curtius' Balzac-, Bertranis und Simmeis Nietzschebücher ganz und
gar nichts in den Augen des Hamburger Professors? Ein Schriftsteller, der, wie
Berendsohn, so geringe Begabung für den Essay hat, sollte es lieber unterlassen,
Goethe oder Strindberg auf drei Seiten zu charakterisieren. »Daß Selma Lagerlöf
mit dem Dramatiker Strindberg nichts gemeinsam hat, war anzunehmen. Ichgebunden-
heit und dienstwillige Hingabe machen den Gegensatz aus.« Es ist grundfalsch:
Zwei Dichter, in derselben großen Epoche ihres Landes geboren, der Epoche der
neuen schwedischen Dichtung, müssen zusammenhängen, auch bei größter Ver-
schiedenheit. Berendsohn, der mit Recht so manches von unserer heimischen
Forschung übernommen hat und Gewicht auf die Sprache als Element legt, sollte
wissen, daß Strindberg auch die neue Literatursprache Schwedens geschaffen hat.
Uberhaupt wimmelt die ganze Darstellung derart von Gemeinplätzen und in allge-
meiner Form gehaltenen Urteilen sachlicher oder gedanklicher Art, daß ein Kritiker
dieser Biographie bald genug in helle Verzweiflung gerät So versucht der Verfasser,
mit ein paar Zeilen die Entwicklung der schwedischen Literatur zu schildern und
bringt hier eine Reihe Urteile, die nur durch oberflächliche Kenntnisse entschuldigt
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