Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 22.1928

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BESPRECHUNGEN.

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bereicli verfolgt, geht er auch der Frage nach der individuellen Färbung nach, die die
Poesie jedes Stammes entsprechend dem jeweiligen Charakter ihrer besonderen
Kultur jedesmal nach seiner Anschauung besitzt, wobei allerdings vielfach mehr von
dem Inhalt als von der Form der Dichtung die Rede ist. Mit Recht weist er dabei
darauf hin, wie die Verschiedenheiten des Stiles sich mit der Verschiedenheit der
Rassen in keinen Zusammenhang bringen lassen (S. 166).

2. Max Dessoir behandelt -das Schauspiel im Schauspiel«. Seine verschiedenen
Typen »werden zusammengehalten durch die gemeinsame Wirkung der Entwirk-
lichung«. An solchen Typen unterscheidet er: 1. das Rahmenspiel, bei dem Träume
oder sonstige dem übrigen realen Zusammenhang des Lebens entzogene Erlebnisse
als inneres Schauspiel uns Wahrheiten des Lebens enthüllen, während das Rahmen-
schauspiel vor allem zum Schutz gegen die Außenwirklichkeit bestimmt ist. 2. Das
Zwischenspiel, bei dessen einfacheren Formen unorganisch fremdes oder eigenes
Gut eingeschaltet wird, während bei den höheren Formen die Einschaltung in
organischem Zusammenhang mit dem Rahmenschauspiel steht, insbesondere die
Peripetie herbeiführt. 3. Das Wechselspiel als >die romantische Form eines dauern-
den In- und Durcheinanders zweier Handlungen-, wie beim Sommernachtstraum
oder bei Pirandello.

Kohlhasenbrück. _ Alfred Vierkandt

Benedetto Croce, Der Begriff des Barock. Die Gegenreformation. Euro-
päische Bibliothek. Dritte Serie. Bd. 12. 67 S. 8°. Verlag Rascher & Cie.
Leipzig u. Stuttgart 1925.
Benedetto Croce hat im vorigen Jahre im Züricher Lesezirkel Hattingen in einem
Vortrag zu einem der vielumstrittensten Probleme der Kunstwissenschaft Stellung
genommen: zum Barock. Es muß zunächst überraschen, wie dieser moderne Philo-
soph die Stiluntersuchungen besonders der deutschen Kunstwissenschaft (Riegl,
Wölfflin, Schmarsow, Weisbach), die ihm wohlbekannt sind, wie die wörtlichen
Zitate erweisen, kurzer Hand beiseite schiebt und den Barock jeder Gegenüberstel-
lung mit der klassischen Kunst beraubt, ihn einfach als Abfall, als Unkunst kenn-
zeichnet. Fast scheint es, als ob Croce seit Burckhardts Zeiten nichts gelernt und
nichts vergessen hätte, nur war dessen Einseitigkeit tief begründet und doppelt er-
freulich, während man bei dem Philosophen Croce anno 1925 eigentlich etwas er-
staunt ist.

Croce geht von der Entstehung der Vokabel: Barock aus, die als »mißbilligend
in jedem Sinne, schlecht- sich auf jedes minderwertige Kunstwerk bezieht. Zu einer
Zeitcharakterisierung in unserem Verstände wird sie erst in der Epoche des Klassi-
zismus, der den ganzen Barock verdammt. Als Beispiel eine Äußerung Francesco
Milizias in seinem >Dizionario delle belle arti del desegno' 1797: Barock ist der
Superlativ des Schrullenhaffen, die Übertreibung des Lächerlichen. Borromini ver-
fiel in Phantastereien, aber Guarini, Pozzi, Marchioni verfielen in der Sakristei des
St. Peter usw. ins Barocke«. Diese Meinung ist auch noch die Croces. Der Barock
gilt ihm als schlechter Geschmack und als literarische Pest: »Von der Kunst ver-
fälscht der Barock das Aussehen und den Namen; er führt sich statt ihrer ein und
verdrängt sie . . . Das Gesetz des Barock: individuelle Laune der Bequemlichkeit,
der Grille ... er ist »hedonistisch«, d. h. er läßt sich nur als Genuß dessen recht-
fertigen, was ergötzt, »obwohl er gegen alles und vor allem gegen die Kunst selbst
verstößt« (S. 12). Und wie sieht diese wahre Kunst demgegenüber aus, was hat sie
für einen Sinn, Zweck, was für Wirkungen? Croce bestimmt charakteristischer Weise
dieses ihr Wesen von seinem idealistischen Gehäuse aus (also nicht immanent!):
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