Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 22.1928

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BESPRECHUNGEN.

Recht sieht er in der Vergrößerung der Basis eine Erhöhung des Wertes seiner
Hypothese.

Die Frage nun, ob die neueste Deutung durch den Verfasser wenigstens im
Kern die richtige ist, diese Frage geht weit über das kunstwissenschaftliche Gebiet
hinaus und reicht sehr tief ins historische hinein. Dies Gebiet kann ich nicht be-
treten. Das aber scheint mir sicher zu sein, es sei wiederholt und noch etwas er-
gänzt, die Methode der Beweisführung im ganzen ist eine glückliche. Sie nützt alle
Möglichkeiten geschickt aus, die die Hypothese zu stützen vermögen. Dabei bleibt
sich der Verfasser der Grenzen, die der Reichweite seiner neuen Lösung vom Gegen-
stand der Untersuchung gesteckt sind, bewußt; seine Deutung soll nur den Weg
zur Lösung bahnen, sie soll kein Schlüssel für alle Fragen sein (S. 54) und für die
Kenntnis der Gesamtpersönlichkeit des Meisters soll sie nur einen Teilbeitrag be-
deuten (S. 71). So sehr der Verfasser bemüht ist, Giorgione in das kultische Sozie-
tätswesen seiner Zeit hineinstellen zu können, abstrakt-methodisch gesprochen: die
Psychologie der Zeit und die Psychologie des Künstlers in eine Ebene einzustellen,
um von dieser Einheit aus den Inhalt der Werke einheitlich psychologisch deuten
zu dürfen, er betont schließlich doch ausdrücklich, daß auch für ihn der Meister in
erster Linie kein »Mystiker« sondern ein Künstler, ein begnadeter Sinnenmensch
ist (S. 71), mit »verschiedenen Ebenen« in seinem Wesen (S. 54). Das ist kein nach-
trägliches Sich-darauf-besinnen. Gerade der mit vielen Mitteln gewonnenen Deutung
des Philosophenbildes fügt der Verfasser die vortreffliche Bemerkung bei: »Eine
genauere Definition« — soll wohl bedeuten: Umgrenzung der Deutung — »ist noch
nicht erreichbar und es fragt sich, ob diese überhaupt dem Wesen der Renaissance-
Mystik gerecht werden würde: auf der Stufe eines halb symbolisch-gnostischen
Denkens und noch dazu im Geiste eines Künstlers werden die Bedeutungen nicht
so streng logisch ... unterschieden wie heute!« (S. 45). Es darf wohl vermerkt
werden, daß der neue Weg in der Lösung des Giorgione-Problems auch zu der
Grundlage führt, die die stilkritisch-formale Methode unerledigt ließ, die Frage nach
dem Oeuvre (S. 47 ff.). Den Ertrag freilich kann ich nicht beurteilen. Das darf dem
Lösungsversuch des Verfassers auch gutgeschrieben werden, daß er Teilerkenntnisse
oder Ahnungen in ein Ganzes einfügt (S. 5 Bayersdorfer, S. 7 Janitschek, S. 14 Ven-
turi). Und es ist ein Vorzug einer Methode, wenn sie sich an mehr als einem Punkte
fruchtbar erweist: der Verfasser bezog auch schon Signorellis großes Berliner
Figurenbild (Nr. 79a) in den kultischen Kreis ein (Münchener Neueste Nachrichten
1925), und wenn sie auf Nebenwegen Beziehungen aufnimmt (S. 41 Bedeutung des
astrologischen Bilderzyklus des Salone zu Padua für die ganze astrologische Bild-
tradition besonders in Oberitalien: nach Panofsky-Saxl; S. 16 die noch ungeschriebene
Geschichte der italienischen Akademien: nach Geiger). Auch das spricht — pro rata
parte — für die psychologische Methode des Verfassers, daß sie im Einklang steht
mit dem »wieder mehr universellen und zugleich psychologischen Kunstbegriff«
(S. 18) unserer Tage.

Auf einzelnes einzugehen ist aus Raumrücksichten nicht möglich. Angedeutet
sei nur, daß die saturnische Bewußtseinsverfassung Giorgiones (S. 42, 62, 53) am
wenigsten gesichert erscheint. Und da und dort wird in der Beweisführung auf
Nebenlinien zuviel den untersten Graden der Wahrscheinlichkeit zugetraut (S. 58,
49, 39, 30 z. B.).

Mehr noch: so sehr es methodologisch ein Vorzug ist, daß durch die neue
Hypothese nicht ein Bild allein seine inhaltliche Erklärung finden soll, daß durch
das Erklärungsprinzip viel mehr Persönlichkeit und Werk — zum Teil — erfaßt
werden sollen, so wird doch im Fortgang der Untersuchung die Hypothese ein
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