Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 22.1928

Page: 514
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/zaak1928/0527
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
514

BESPRECHUNGEN.

dem daß sich in ihr die Seele ganzer Geschlechter, ganzer Völker widerspiegelt«
(Bd. II, S. 63). Ist aber der Gedanke nicht zu sehr nur Gedanke geblieben? Eine
besondere Schwierigkeit jeglicher Einführung ist bei geschichtlichem Stoff die zu-
sammenfassende Richtigkeit. Man will alles gelehrte Detail weglassen. Gut. Aber
entspricht nun noch, was man sagt, weniger dem neuesten Stand der Forschung,
sondern dem Wissen, von dem die gegenwärtige Forschung lebt? Darf man z. B.
heute auch nur Kindern noch sagen, daß die Gotik vorwiegend deutsche Kunst
ist (S. 20)? Darf man die Einfügung des Querschiffes in den Kirchenkörper einfach
aus dem Bedürfnis der Gläubigen, möglichst nahe am Altar zu stehen, erklären
(S. 42), darf man das Kelchkapitäl kurzhin der Gotik zusprechen (S. 19)? Von grund-
sätzlicher Bedeutung ist es auch, wenn Begriffe gebildet werden sollen ohne Ab-
lösung und Verselbständigung. Bd. I, S. 17 heißt es: »die aus Geraden und Kreis-
bogen bestehende, von a nach b laufende Linie nennt der Künstler Profil . . .«
Weiß nun das Kind, was ein Profil ist?

Aus Interesse an der für die Schule und das Haus bestimmten Einführung
seien noch Einzelheiten herausgegriffen. Sie ließen sich vermehren. Für die Bau-
kunst sind die Beispiele allzu eng auf Köln eingeschränkt. Manche von den Abbil-
dungen müssen als schlecht bezeichnet werden (z. B. Abb. 24, 33, 49: Malerei. Bei
62 ist der Sockel »ganz unmöglich«; abgeschnitten). Der Raum kommt als Bestand-
teil des Baues nicht genug zur Geltung. Warum ist der Kennzeichnung des basili-
kalen Types geradezu immer ausgewichen? Die Plastik ist zu knapp behandelt. Die
an sich gute Anlage ließe sich leicht bereichern. Warum ist von Zeichnungen gar
nicht die Rede? In der Entwicklungsgeschichte ist das 19. Jahrhundert entschieden
nicht ausreichend vertreten: ohne Menzel, Thoma, Trübner. Die Angabe, daß auf
der »Hochzeitsreise; (Schwind) »das junge Paar durch kräftigere Farbentöne hervor-
gehoben« (Bd. III, S. 39) sei, ist keine ganz genaue Beschreibung. Der Hochzeiter
selbst ist mattfarbig. Farbig ist vor allem der Wagenfond, der Strauß und die Braut.
Beim Expressionismus wäre es besser von Erlebnis statt von Empfindung (Bd. II,
S. 49) zu sprechen.

Daß die Verfasser schreiben, es wäre töricht, Werke, die den unverhüllten
menschlichen Körper darstellen, als »unanständig« zu bezeichnen, hat pädagogischen
Wert. Auch konfessionellen.

Im Vorwort berufen sich die Verfasser auf einen Leitsatz des Ausschusses 7
der Reichsschulkonferenz. Er lautet: »Der Unterricht in den Kunstfächern (Wort-
kunst und Musik, bildende Kunst und Körperkultur) ist vom 3. Schuljahre an an
allen Schulen und in allen Klassen durchzuführen«. Meinen Erfahrungen nach steht
das leider zum Teil so herzerfreuend nur auf dem Papier.

München. Georg Schwaiger.

Hugo Kehrer, Spanische Kunst. Von Greco bis Goya. Mit 250 Abbildungen.
München, Hugo Schmidt, 1926. 364 S.

Hugo Kehrer hat in den letzten zwölf Jahren mehrere Bücher über Spanien
veröffentlicht. Sein besonderes Interesse hat er Zurbaran und Goya, vor allen aber
von jeher dem Greco zugewandt. Die »Spanische Kunst« faßt jene tiefangelegten
Vorstudien zu dem Werk über Spanien— »spanische Kunst und spanischer Barock
bedeuten nahezu ein und dasselbe^ — zusammen. Das typisch Spanische wird
herausgearbeitet und als Kontrast neben das Italienische gestellt.

Im ersten Teile des Buches geht der Weg von Greco über Velazquez, Ribera,
Zurbaran, Murillo zu Goya. Der zweite Teil bringt ein besonders lesenswertes
Kapitel über die spanische Seele, um dann über das spanische Formgefühl zu
loading ...