Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 22.1928

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BESPRECHUNGEN.

Augenerfahrung die relativ genauste Erkenntnis der Objekte gewinnen kann. Alle
Parallelprojektionen sowie die oben beschriebene Synthese auf einem Bild werden nur
dem Einzelobjekt gerecht; das künstliche Nebeneinander muß außerdem durch einen
Gedankenprozeß wieder getrennt werden, und die Erfassung des größeren, erwei-
terten Objekts, des Gegenstandes und seiner Umwelt, geht verloren. Diese zu er-
reichen dient erst die Zentralperspektive. — Auf die zahllosen anderen Probleme,
die der Verfasser in seinen Analogien anschneidet, einzugehen, gestattet hier der
Raum nicht. Die Besprechung würde ebenso endlos werden, wie der Urtext selbst.

Zur Bildanalyse gehört eine Ausdrucksmittel- und Formenlehre, wie sie die
Musik in ihrer Harmonielehre, Kontrapunktik und Formenlehre schon besitzt. Die
erste Frage vor dem Bilde ist: Welchen Ausdrucksmitteln hat der Künstler seine
Wirkungen anvertraut? Die zweite: Wie hat er das allgemeine Ziel, zu erregen und
dennoch zu befriedigen, das Ziel des Gleichgewichts, erreicht? Hat man ähnliche
Fragen auch auf anderen Lebensgebieten beantwortet, so wird es möglich sein, im
allgemeinen Geistesleben für alles die gemeinsame Wurzel zu finden. Der Verfasser
hat hierzu nichts beigetragen, als einige schon bekannte Grundfiguren, wie Oval-
und Gegenschwung, sowie unzählige Analogien; von solchen aber machen die
besten Autoren der Kunstgeschichte und der Kritik bereits den ausgiebigsten Ge-
brauch und können des hier gebotenen Hilfsapparates entraten. Eine Systematik ist
vom Verfasser »noch nicht angestrebt«, jedoch kündigt er eine solche an oder nennt
sie »wünschenswert . Er schreibt z. B.: »Schon diese Andeutung zeigt, daß eine
Untersuchung der Schattendarstellung, insbesondere der Schlagschatten zu überaus
fruchtbaren Ergebnissen führen dürfte.« Oder: »Eine solche Betrachtung würde in
einer Systematik einen erheblichen Raum erhalten müssen.« Oder: »Die Forschung
hat es nicht leicht, diese Vorgänge zu untersuchen,« und so noch öfter. Mit diesen
Sätzen hat der Verfasser seinen eigenen Trivialismus und seine Hilflosigkeit genü-
gend gekennzeichnet. Partwiunt montes —

Jena. Walter Thomae.

Max Tilke, Osteuropäische Volkstrachten in Schnitt und Farbe.
Berlin, Verlag Ernst Wasmuth A.G., 1925. 35 S., 96 farbige Tafeln.
Die heutige Tracht der westeuropäischen Völker ist eine einheitliche. Sie wird
für die Männer im wesentlichen durch England und Amerika, für die Frauen von
Paris aus bestimmt. Immer mehr verschwinden die Volkstrachten, die das Auge
mit so reichen Farben und Formen erfreuen, immer mehr werden sie selbst in
ihren letzten Zufluchtsstätten wie in hessischen, bayrischen, spanischen Dörfern von
der alles nivellierenden internationalen Mode verdrängt. Diese Entwicklung setzt
leider auch bereits in Osteuropa ein. Es ist daher freudig zu begrüßen, daß Tilke
gerade noch zur rechten Zeit die Trachten der osteuropäischen Völker gesammelt
und auf guten Tafeln übersichtlich geographisch geordnet vorlegt. Er verfolgt dabei
die gleichen Zwecke und die gleiche Methode wie in seinem 1923 erschienenen
Buche »Orientalische Kostüme in Schnitt und Farbe«. Er gibt nicht Rekonstruktionen
von Gewändern nach Abbildungen wie die meisten bisherigen Werke über Kostüm-
kunde, sondern er hat auf Reisen in Museen und im Leben zahlreiche Gewänder
studiert, gezeichnet und auch erworben. Diese wirklichen Kostüme hat er in ihrer
Struktur und in ihrer Farbe genau aufgenommen, und der Verlag hat sie in vor-
züglichen Reproduktionen, in vornehmer Ausstattung wiedergeben lassen. Beson-
derer Nachdruck ist auf die Wiedergabe der Nähte gelegt, aus denen nicht nur die
Konstruktion, sondern oft auch die Entstehung der Kleider aus einfacheren Grund-
formen klar abzulesen ist. Durch Festhalten eines einheitlichen Maßstabs ist es
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