Zeitschrift für christliche Kunst — 18.1905

Seite: 23-24
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1905.

ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 1.

24

Ein Rückblick auf die „moderne Kunst"

in der internationalen Kunstausstell ung zu Düss eldo rf 1904.

II.
ie aber erklärt sich ein solch
rapider Niedergang in der Kunst,
ein Rückgang, der sich fast in
seiner Zucht- und Sittenlosigkeit
brüstet und dazu in seiner geistigen Blöfse, in
seiner Gedankenarmut noch einen solchen
Mangel an Können sichtbar werden läfst? Die
Antwort mufs notwendig auf dem Gebiete der
Schulung gesucht werden, die sich augenschein-
lich als durchaus unzureichend erweist! Dafs
diese einer gründlichen Revision und Ver-
besserung bedarf, ist greifbar sichtlich geworden,
und dafs dies geschehe, ist nach solchen
Schaustellungen nicht etwa frommer Wunsch,
sondern eine berechtigte Forderung des gesun-
den Volkssinnes! — Wird diesem Verlangen
entsprochen, dann, aber auch nur dann wird
sich neben vielen anderen Pflegestätten der
Kunst auch die Düsselstadt ihres alten künst-
lerischen Rufes wert zeigen und sich zu neuem
Glänze erhöhten Ruhmes erheben, und dieses
Palastes Räume werden wir dann nicht mehr
gleichsam als Abfuhrstätte behandelt
sehen!

Bei der eminenten Wichtigkeit der sich hier
in den Vordergrund drängenden Fragen haben
wir es daher nicht unterlassen, uns nach allen
Seiten — bis zu den ältesten Zeiten hin —
umzuschauen, um sicheren Aufschlufs über die
jeweil eingenommene Stellung der Künstler
„als Erzieher" zu gewinnen. Doch wohin wir
uns auch immer gewandt, überall — in frühen
wie in späteren Tagen — überall treffen wir
die Künstler in der gleichen hohen Stellung,
überall finden wir aber auch dasselbe Ver-
langen an sie gerichtet: „grofse Ehr', doch
auch grofse Begehr! Auch sie sind Lehrer
des Volkes — und rührend ist es, zu erfahren,
mit welcher Ehrfurcht jener Männer, die den
Geist veredeln und erheben, gedacht wird, die
sie gar nicht selten selbst noch über den leib-
lichen Vater stellen läfst.

Wir könnten aus den Tagen des goldnen
Zeitalters des „Reiches der Mitte" von Fohi
abwärts bis Confucius (551 v. Chr.) eine Reihe
weiser Männer aufführen, welchen das Land
seine religiöse und sittliche Kultur verdankt,
die den Geist durch Nachdenken gefördert
und das Herz durch Erwerbung von Tugenden

gebildet: Moral und Gelehrsamkeit, anständiges
Betragen und aufrichtigen Sinn zu fördern be-
strebt geblieben. War doch der letzte Zweck
der Lehren des Confucius, sagt Cramer,23/
dafs die Menschen die uranfängliche Reinheit,
die sie zuerst vom Himmel erhalten, wieder-
erlangen sollten. Und dieses Ziel, die Mensch-
heit der Vollendung nahe zu führen, war das
stetige Ziel aller. Selbst die Poesie der Chi-
nesen ist daher durchaus didaktisch, und den
Grund hierfür erschliefst uns ganz zweifellos
eines ihrer ältesten Sprichwörter:

„Das Böse lernt sich leicht, das Gute schwer."
So ruft uns auch ein Wort aus den „Gol-
denen Sprüchen" dieses Volkes, die aus Salo-
monis Zeiten stammen, zu:

„Ob du wachest oder ruhest,

Denke stets, daß du dir selber nicht lebest;

Was du lassest oder tuest,

Nie vergiß, daß du ein Beispiel gebest."

Diese Reste orphischer Weisheit, wie wir
sie in den Sätzen des Confucius zurückfinden,
bewahrt uns auf Asiens Boden auch der Brah-
manen schätzbarer Wissensschatz. Aus ihm ruft
es dem Künstler entgegen:

„Das Unglück in der Welt such', als du kannst,
zu lindern,
So weit umher du reichst, zu mildern und zu
mindern.

Und wer die Gabe nur, wie sie gemeint ist, nimmt,
Den fördert sie dazu, wozu sie war bestimmt."

(IV. Stufe; Schule 38.)

wie ihn die Weisheit des Brahmanen an an-
derer Stelle mit den trefflichen Worten be-
grüfst:

„Warum gehst in der Welt du aus dir selbst

hinaus ?
Um still in dich zurückzukehren aus dem

Braus.
Und warum aus dem Braus gehst du in dich

zurück ?
Zu sinnen für die Welt im stillen Lust und

Glück.
Beglückt, wenn dir die Welt gibt, was du brauchen

kannst,

23) »Geschichte der Erziehung und des Unter-
richts im Altertume« von Dr. Friedrich Cramer.
II. Bd. »Theoretische Erziehung, von den ältesten
Zeiten bis auf Lucian.« (Elberfeld, 1838.) — China:
S. 1 u. w.
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