Zeitschrift für christliche Kunst — 18.1905

Seite: 205-206
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1905.

_ ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 7.

206

Ein Rückblick auf die „moderne Kunst"
in der internationalen Kunstausstellung zu Düsseldorf 1904.

V. (Schluß.)
us der vorstehenden Darlegung wird
man nun zweifellos erkannt haben,
daß die Lage eine äußerst ernste ist,
und daß schleunige Abhülfe not tut!
Was soll und muß aber nun geschehen?
Die Antwort ist nicht leicht, und zwar des-
halb, weil die nötigen Vorbedingungen zu einem
erfolgyerheißenden Ausbau zur Stunde ganz und
gar fehlen. Hier bleibt daher nichts anderes
übrig, als von Grund aus neu aufzubauen; je
eher aber Schritte zur Umkehr getan werden,
um so schneller wird ein dauerverheißender
Aufschwung möglich werden! Denn:

„War es immer wie jetzt? Ich kann das Ge-
schlecht nicht begreifen.
Nur das Alter ist jung-, ach! und die Jugend
ist alt."

ein Wort Schillers, welches auch auf die
»jetzige Generation« paßt.

Und wem die Erkenntnis noch nicht zu-
teil geworden sein sollte, wer noch nicht er-
kannt, was ihm frommt, was ihm zu tun ver-
blieben ist, der beachte doch, was Schiller in dem
Epigramme: „Der Schlüssel" gesagt:

„Willst du dich selber erkennen, so sieh', wie
die andern es treiben,
Willst du die andern verstehn, blick' in dein
eigenes Herz."

Man schaue daher nur um sich und sehe
zu, welchen Weg jene genommen haben, die
wir in unseren kunstgeschichtlichen Werken
gefeiert finden, deren Bildnisse oder Werke
wir zu unauslöschlicher, fortgesetzter Erinne-
rung an den Wänden unserer Aulen, an den
Ehrenplätzen unserer Versammlungssäle und
zum Schmucke der öffentlichen Flätze unserer
Städte finden. Die Um- und Rückschau ist
das erste und nächste, was uns zu tun bleibt,
eben weil wir dadurch unweigerlich zu weiteren
vergleichenden Gegenüberstellungen alter und
neuer Kunst gezwungen werden. Geschieht
dies, dann werden wir uns bald bewußt werden,
daß der älteren und ältesten Meister Ziel auch
unser Ziel in der Kunst wieder werden muß;
daß alsdann aber neben der hohen und höch-
sten Kunst — die dem Preise der Götter und
der Ehre des Vaterlandes galt — auch die be-
scheidener auftretenden, das gewöhnliche Leben
zu verschönern bestimmten Künste eine ihrer

Stellung entsprechende Vertiefung wie eine
dem Gegenstande angemessene, der Illusion
sich nähernde Ausführung zu erstreben haben,
was sich jedoch als eine ganz naturgemäß voll-
ziehende Entwicklung zeigen wird.

In Betrachtung der ,alten Kunst' fällt uns
eines sofort auf, was ,die Modernen' — merk-
würdiger Weise — für vollständig unvereinbar
halten, das ist jene wohltuende Verbindung
von ,Freiheit und Ordnung'. Denn wir
begegnen im Altertume einer Freiheit, die erst
im Bereiche der ,golden en Flur des Olym-
pos' ihr Ziel und Ende in Verewigung des
Ewigen fand. Wir begegnen daneben einer
,Ordnung', die, weil sie eine gottgesetzte
daher auch eine notwendige, eine natürliche
ist, so auch von Schiller als eine heilige, eine
segensreiche, als eine himmelentstammte be-
grüßt wird. — Durch Plato erfahren wir aber
deutlich und eingehend, weshalb die Kunst
ihrer bedarf, denn sie ist es eben, welche die
Wohlanständigkeit bewahrt, die die reinere
Geschmacksbildung fördert, den Sinn für das
Schöne und die Tugend belebt, und daß sie
es ist, die dauernde Feindschaft gegen das
Häßliche und das Laster einflößt. (Politik
401,d —402,a.) „Weil ferner jede Kunst-
äußerung, vernehmen wir weiter Plato,
sich auf Charaktergüte gründen soll,
so müssen nicht nur die Dichter ge-
zwungenwerden, gute Charak tere dar-
zustellen, sondern auch die übrigen
Kunstler sind davon zurückzuhalten,
schlechte Sitten, ein ausgelassenes,
unedles und unanständiges Wesen in
Bildern belebter Geschöpfe oder in
Gebäuden oder in irgend einem Kunst-
produkte auszudrücken, damit aus
allem der Geist des Schönen und des
Verständigen die Jugend anwehe und
ihr Nahrung gewähre." (Pol. III, 401.)
Dabei darf den Vergnügungen und Leiden-
schaften — mit wenigen Ausnahmen — nicht
nachgegeben werden, „denn die Regelung
erfolgt nicht nach dem sinnlichen
Wohlgefallen der Menge .... sondern

nur nach der Freude der Besten.....

der durch Erziehung und Tugend
Hervorragenden," (Gesetze II, 658c), um
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