Zeitschrift für christliche Kunst — 18.1905

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Abhandlungen.

Zwei neue Kreuzfahnen für den
Kölner Dom.

(Mit 4 Abbildungen, Tafel XI.)

|it der Zunahme der kirch-
lichen und weltlichen Ver-
eine, der Prozessionen und
Aufzüge ist in den letzten
Jahrzehnten das Bedürfnis
nach Fahnen stark ge-
wachsen. An die Stelle der
Malerei auf Seide, die früher vornehmlich be-
gehrt wurde, ist die Stickerei getreten, und
dieses Gebietes hat sich ein Fabrikbetrieb be-
mächtigt, der, wie auch sonst, fast nur Sche-
matisches schafft. Einem wenig beschäftigten,
anspruchslosen Zeichner wird gewöhnlich der
Entwurf übertragen, wenn es überhaupt eines
solchen bedarf, und zu geringen Tagessätzen
sind die Mädchen verurteilt, welche die Orna-
mente und Figuren ausführen, zumeist in grellen
Tönen. Daß solche Farben als ,,kirchliche" an-
gesprochen werden, ist ein über den Bereich
des Händlerjargons kaum hinausreichende Be-
zeichnung, der kein Wert beizumessen ist,
und mit der daher ein neuer Vorstoß im Sinne
besserer Farbenwahl nicht begründet zu werden
braucht. — Daß die heutzutage für das Gebiet
der profanen Bekleidungskunst maßgebenden
gedämpften Töne nicht gerade für den kirch-
lichen Gebrauch Geltung haben, braucht nicht
besonders betont zu werden. — Im mystischen
Dunkel der Kirchen, das, nicht übertrieben,
seine volle Berechtigung hat, müssen die
Farben kräftiger gewählt werden, als für das
Freilicht und für den elektrisch durchfluteten
Salon. Daraus ergibt sich freilich kein Frei-
brief für das schreiende Grün und Blau, für das
ungesunde Rot und Violett.

Auch Fahnen bedürfen ausgesprochene und
doch harmonisch gestimmte Farben, aber auch
manches andere, das sich selten bei ihnen findet,
namentlich klare Anordnung, korrektes Ornament,
dekorative Schrift, richtig gezeichnete Figuren.
Dabei muß, im Unterschied von den Para-
menten, in denen die Feinheit der Ausführung
kaum Beschränkung zu erfahren braucht, alles
großzügig gehalten sein, vornehmlich das Um-

rißliche, das Einfaßliche, dem eine gewisse
Derbheit, vielmehr Wuchtigkeit eigen sein muß,
bei der größten Sauberkeit der Ausführung.

Schon die hier beigegebenen Abbildungen
von den Vorder- und Rückseiten der neuer-
dings durch Fräulein Minna Peters nach
Zeichnungen von Otto Mengelberg für den
Kölner Dom ausgeführten Fahnen zeigen, daß
diesen die angegebenen Vorzüge eignen.

Dem Entwurf der Unbefleckt Emp-
fangenen: INTACTA- MATER ■ NVMI-
NIS, war der Strahlenkranz, der sich auf die
weit ausgebreiteten Hände ausdehnt, ein höchst
willkommenes Mittel für die mächtige dekorative
Wirkung, die schon durch den faltenreichen
Mantel sehr begünstigt war. — Daß ihr auf der
Rückseite in derselben Mandorla-Umrahmung
die Himmelspforte entspricht: Coelestis ■ aulae ■
Janua, beruht auf richtigem Empfinden.

Der sitzenden Gestalt des hl. Petrus:
TV- ES- PASTOR- OVIVM,kommen schwel-
lende Gewandbehandlung mit Tiara, wie Thron
und Beigaben nicht minder zu Hülfe, um den
großartigen Effekt zu erreichen, dessen Echo
auf der Rückseite das Schiff der Kirche ist:
Universae ■ animae ■ in ■ Nävi.

Den ganz eigenartigen, ungemein flotten
Zeichnungen entsprechen die Farben, die bei
der ersteren Fahne durch ganz schwere gold-
durchwirkte blaue Ripsseide als Fond, bei der
anderen durch ebensolche grüne Seide gewonnen
sind; überreich lohnt der kostbare Stoß' mit
seinem schillernden Farbenspiel das Aufgebot
des Preises, auch auf den Rückseiten mit ihrem
Goldstoff und Sammetdekor.

Mit den Grundfarben kontrastieren vortreff-
lich auf beiden Seiten die kräftigen Korbstich-
Borten und -Inschriften, neben denen die das
Ganze beherrschenden Goldbouillon-Verzierun-
gen und Kordeleinfassungen sich Geltung ver-
schaffen. Bei den Figuren sind Gesicht und
Hände im feinsten, Gewänder in kräftigem
Haute-lissestich durchgeführt, und Applikationen
mit niedergelegtem Goldfrise" oder mit Stilstich
kommen neben zahlreichen sonstigen Sticharten
zur Verwendung, so daß hier die Technik, wie
durch ihre Mannigfaltigkeit, so durch ihre
Bravour wahre Triumphe feiert. Schnütgen.
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