Zeitschrift für christliche Kunst — 18.1905

Seite: 47-48
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1905. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 2.

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Ein Rückblick auf die „moderne Kunst"
in der internationalen Kunstausstellung zu Düsseldorf 1904.

III.

ir haben unter den uns gebotenen
Kunsterzeugnissen aber noch mit
weiteren Übelständen zu rechnen
und zu rechten. Erregt doch die
Erscheinung des auferstandenen Erlösers im
Kreise der Elfe, welche Szene der Künstler
in eine holländische Matrosenkneipe zu
verlegen sich gemüßigt findet, mit Recht
großes Befremden. Denn wo bleibt hier zu-
nächst die geschichtliche Wahrheit? Oder ist
diese heute Nebensache geworden? — Unser
Bemühen, den Künstler zu begreifen, ist ganz
und gar vergebens; je länger wir zuschauen
und die Anwesenden einzeln betrachten, um
so gröfser nur wird unser Erstaunen, und wir
fragen uns: wie kam der Künstler nur dazu,
sich bei der hier so deutlich hervortretenden
Neigung zum Trivialen gerade diesen Gegen-
stand zur Darstellung zu wählen ? Ist es doch
jene aus Johannes 20, 26 u. w. ersichtliche,
so hochwichtige Szene, — die örtlich durch
die Textstelle bei Lukas 24, 36 klarer gestellt
wird, — bei der auch Thomas anwesend war,
und die deshalb zu den bedeutsamsten Begeg-
nissen nach der Auferstehung zählt! —

Doch wie entspricht die Auffassung der
Höhe des Augenblicks? — Und deshalb fragen
wir mit allem Nachdruck: wo bleibt hier die
historische Treue? — Man wird uns doch wohl
nicht im Ernste einreden wollen, daß hier die
Stätte gewesen sei, wo Thomas das Bekenntnis
von Christi Auferstehung und Gottheit ablegte
und der Heiland — nach dem hl. Gregorius —
uns die Seligkeit verhieß, die wir, ihn im
Fleische nicht schauend, dennoch glauben!

In Betrachtung solch bedeutungsvoller Tat-
sachen ist diese Art der Darstellung tief zu
beklagen, weil sie sich nicht nur der erforder-
lichen Hoheit bar zeigt, sondern dazu mit
einer sichtlich nur gemachten Naivität zu zieren
sucht. — Ziel der Kunst und Pflicht des
Künstlers ist und bleibt aber bei Vergegen-
wärtigung erhabener Vorgänge doch, — soweit
dies erreichbar — der Wahrheit möglichst nahe
zu kommen und zum Höchsten hinzuleiten,
so wie wir durch die Treue der Schilderung
wahrhaft großer Taten — besonders die Jugend —
zu ähnlichem Tun anzuregen und zu befähigen
suchen müssen!

Wo bleibt aber hier dies Bestreben?

Man entschuldige sich nicht damit, daß
es doch nicht der erste Versuch sei, der ver-
breiteten Auffassung des Südens gegenüber
mehr das nordisch-germanische Element zur
Geltung zu bringen, denn wo dies unter Hint-
ansetzung aller Wahrheit und aller jener Forde-
rungen, über die sich die Kunst nicht hinweg-
setzen kann und darf, geschehen, da war er
nur von kurzer Lebensdauer, weil ein nur auf
Halbheit gegründeter, aus schwer definierbaren
Ursachen hervorgegangener Mißgriff, der so
gerne mit Stilwechsel vertauscht und unter
Stilentwicklung verhüllt wird, doch nur Mangel
am notwendigsten Wissen war. Hier aber be-
begegnen wir sicherlich keinem Erwachen irgend-
welcher jener alten Traditionen, an denen das
mittlere Deutschland und besonders die Ufer
des Rheines seit der Römer Tage her so reich
sind! Warum schaut man denn auch nicht
um sich oder lauscht den durch die Jahrhun-
derte hin stets wiederholten Mahnungen und
Weisungen ? Gibt es doch keinen leichteren
Weg zur Belehrung für den Menschen, sagt
Polybios schon im ersten Satze des ersten
Buches seiner Geschichten, als den durch die
Kenntnis früherer Ereignisse. — Denn wer
gedenkt — rückblickend — nicht der rastlosen
Bestrebungen der karolingischen Renaissance,
die nach griechischen Elementen und keltisch-
irischen Kunstformen, erneut römische Keime
zur Entwicklung zu bringen versuchte, der
aber gar bald von Osten her die ottonische,
eine mehr die germanische Formensprache be-
günstigende Kunstrichtung folgte. So fehlte es
wahrlich nicht an Schwankungen nach hüben
und drüben, doch welcher Art sie aber immer
gewesen sein mögen, wir begegnen nirgendwo
ziellosem Herurntappen, staunen vielmehr ob
der Sicherheit der genommenen Wege, die wir
beim Kommen und Verschwinden etappen-
weise zu verfolgen vermögen. Dabei streitet
man nicht müßigerweise für längst Hinge-
gangenes und Überwundenes, nicht will man
Asche lodern machen, denn:

„Zu den Toten fällt das Tote,
Sei es noch so schön gewesen"

singt der Sänger von „Dreizehnlinden". 34a)
Man verlangte zu jeder Zeit eine Kunstsprache,
54a) XVII, 12. 21. Aufl. S. 238.
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