Zeitschrift für christliche Kunst — 30.1917

Seite: 129
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Nr. 10 ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST. J 29

ERFAHRUNGEN AUF DEM GEBIETE
DER NEUZEITLICHEN RELIGIÖSEN

MALEREI.

(Mit Tafel VIII und 2 Abbildungen.)

Der Anregung seitens des verehrten Herausgebers dieser Zeitschrift, in
derselben meine Erfahrungen auf dem Gebiete der religiösen Malerei
niederzulegen, entspreche ich gern, obwohl der Stil der Feder mir weniger
geläufig ist, als der des Pinsels.

Hierbei glaube ich seiner, wie meiner Absicht am besten zu entsprechen, wenn
ich zunächst meinen eigenen Entwicklungsgang einigermaßen skizziere.

In Aachen 1866 geboren und unter dem Eindruck alter und neuer, vornehmlich
kirchlicher Kunstdenkmäler aufgewachsen, bezog ich bereits 1882 die Königliche
Kunstakademie zu Düsseldorf, auf der ich den üblichen Bildungsgang durch-
machte und dann durch einhalbjährigen Aufenthalt in Italien, Reisen nach Eng-
land und Paris zu vertiefen suchte, soweit meine geringen Mittel es gestatteten. —
Mein Hauptbestreben war, ein christlicher Künstler zu werden und zu bleiben,
daher die innere Klärung zu erreichen in dem Wirrwarr der modernen Strö-
mungen.

An der Düsseldorfer Akademie lebten in meiner Studienzeit noch Deger,
Karl Müller, Lauenstein, aber sie führten eine Art von Stillleben, weil sie sel-
tener mit neuen Bildern hervortraten und nur einen ganz kleinen Schülerkreis
hatten, in den Hintergrund gedrängt durch das rastlose Scharfen ihres unermüd-
lichen Kollegen, E. von Gebhardt.— Als Grundsatz beherrschte mich schon damals
die Auffassung, daß der Kunst die Aufgabe gestellt sei, als dienendes Glied sich
nützlich zu machen, nicht Selbstzweck zu sein, daher der Hauptzweck der
Malerei nicht darin bestehe, unbestellte Gemälde für Ausstellungen anzufertigen.
Solche Betätigung sei, so dachte ich, nur gestattet dem jungen Künstler, der
sich auf diesem Wege bekannt machen und den Weg bahnen wolle oder müsse,
sowie dem bereits bewährten Künstler, der etwas ganz Besonderes, Persönliches
zu sagen den Vorzug habe.

Die Malerei in Kirchen erschien mir um so wertvoller, als sie eine wirkliche
und eigentliche Volkskunst ist, die von vielen Tausenden ersehnt, ohne Ein-
trittsgeld genossen werden kann, religiöse Überzeugung und Auffassung ver-
langt, dazu die höchsten künstlerischen Anforderungen stellt, da es sich doch
darum handelt, große Räume in ein einheitliches Farbenspiel zu setzen, so daß
jede einzelne Darstellung dem Ganzen sich eingliedert, eine Gesamtwirkung sich
ergibt. Zur Lösung solcher Aufgaben waren die größten Schwierigkeiten zu
überwinden, zumal die technische Behandlung damals kein Gegenstand der
akademischen Ausbildung war, die Erfahrungen daher anderweitig gesucht werden
mußten. Für die Leistung einer sehr stilgerechten Bemalung bedurfte es eines ganz
umfassenden Studiums, bei dem als Ausbildungsmittel das Kopieren gar nicht
zu entbehren war, trotz der Einschränkungen, die erst in Einklang gebracht
werden mußten mit der sonst unbeschränkten Freiheit moderner Kunst. — In
dieser Hinsicht bleibe ich dankbar verpflichtet meinem Lehrer an der Deko-
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