Zeitschrift für christliche Kunst — 30.1917

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Nr. 2/3___________ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST.____________JQ

ZWEI ROMANISCHE KRUZIFIXE IN
S. CHIARA ZU ASSISI.

(Mit 3 Abbildungen.)

Von großer Bedeutung für den religiösen Entwicklungsgang des hl. Fran-
ziskus von Assisi und seine reformatorische Tätigkeit ist jenes Kruzifix
in dem Kirchlein S. Damiano vor den Toren seiner Vaterstadt gewesen,
das nach der Legende an ihn die Worte richtete: „Gehe hin und stelle mein Haus
wieder her, das einzustürzen droht." Die Nonnen von S. Chiara zu Assisi glauben
dieses wundertätige Kruzifix noch heute zu besitzen. Die Kirche S. Chiara
birgt noch ein zweites beachtenswertes Kruzifix, das einige Jahrzehnte später
entstanden ist und einen wesentlich andern Charakter trägt. Beiden Kruzifixen
den ihnen kunstgeschichtlich gebührenden Platz anzuweisen, ist der Zweck dieser
Zeilen.

Die beiden Kruzifixe von S. Chiara sind den Kennern der italienischen Tre-
centomalerei seit langem keine Fremdlinge mehr. Cavalcaselle1, Thode2, Wick-
hoff', Aubert4 haben sich mit dem zweiten beschäftigt, während Zimmermann5,
Frey6, Cristofani7, der Geschichtschreiber Assisis, und P. Bonaventura von
Sorrent8, der Historiker von S. Chiara, das erste ausführlich beschrieben haben.
Aber obwohl Cristofani und anscheinend auch P. Bonaventura die seltene Ge-
legenheit hatten, das Kruzifix von S. Damiano aus nächster Nähe zu betrachten,
so ist ihre Beschreibung doch nicht zuverlässig, nicht einmal in wesentlichen
Punkten richtig, weshalb ich zunächst eine genaue Beschreibung desselben gebe9.
Die Darstellung des S. Damian-Kruzifixes, wie wir es kurz nennen
wollen (Abb. 1), ist nicht, was bisher noch niemals beobachtet wurde, unmittel-
bar auf das Holz gemalt, sondern auf Seide, die auf das hölzerne Kreuz befestigt
worden ist. Die gleiche Technik ist auch bei dem zweiten Kreuze angewendet
worden; dasselbe ist der Fall, was ebenfalls bisher unbeachtet blieb, bei dem
Kruzifixe in der Sakristei von S. Francesco in Assisi, nur daß bei diesen beiden
Kreuzen statt Seide Leinwand verwendet ist. Venturi, der die Kruzifixe des

1 Crowee Cavalcaselle, Storia della Pittura I, 272. Italienische Ausgabe 1886
2721. In der englischen Ausgabe von Langton Douglas, London 1903, fehlt die Note.

1 Franz von Assisi, 2. Aufl., 237. Vgl. D e r s , Sind uns Werke von Cimabue erhalten?
in Rep. f., Kunstwissenschaft XIII (1890) 33 f.

:1 Über die Zeit des Guido von Siena. Mitt. d. Inst. f. österr. Geschichtsforschung X
(1889) 260 ff.

4 Cimabue-Frage, Leipzig 1907, 133 ff.

5 Giotto, Leipzig 1890, 168 f (mit einer Abb. nach einer Kopie).
G Vasari-Ausgabe I, München 1911, 435.

7 Storia della Chiesa e Chiostro di S. Damiano, ed. 3, 1882, 38.

8 La Gloriosa S. Chiara d'Assisi, 1894, 34.

■ Das Kruzifix war ursprünglich in der St. Giogiokapelle der Kirche aufbewahrt, 1910
wurde es an seinen jetzigen Platz, in die Reliquienkapelle, übertragen und ist nur durch ein
Gitter bei spärlicher Kerzenbeleuchtung sichtbar; daher muß sich auch meine Beschreibung
vorzugsweise auf die Photographie stützen; doch habe ich der Äbtissin des Klosters Cherubina
Beatelli für die Mitteilung mancher Einzelheiten zu danken.

Das Kreuz ist 2,10 m lang und 1,50 m breit; der gemalte Kruzifixus 1,60 m lang und 1,25 m
breit.

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