Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 25.1909

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ARCHITEKTONISCHE RUNDSCHAU

Heft 8

1009

Idealpassage in Rixdorf. Architekten: Willy & Paul Kind
Oelber Hof (4). in Rixdorf-Berlin.


Baugenossenschaft erworben wurde und nur das zwischen
beiden belegene Grundstück von 166,16 Quadratruten Fläche,
das von den Straßen nur durch die grundbuchlich eingetragenen
Durchfahrten erreichbar ist, der Ortskrankenkasse verblieb.
Die Bebauung der drei Grundstücke, deren Grenzen aus
dem Grundrisse ersichtlich sind, erfolgte gemeinsam nach ein-
heitlichem Plane und ohne gegenseitige Abgrenzung als zu-
sammenhängendes Ganzes, so daß die vier von Wohnhäusern
umschlossenen Gartenhöfe als einheitliche große Baugruppe
mit besonderer Verkehrsverbindung zwischen zwei Parallelstraßen
erscheinen, wie sie ähnlich im älteren Westen Berlins schon
mehrfach an den zur besseren Aufteilung zu tiefer Baublöcke
geschaffenen Privatstraßen entstanden sind. Die geräumigen
Höfe sind mit zweckentsprechenden Gartenanlagen, Wasser-
becken, Brunnen und Spielplätzen geschmückt, die Häuser-
fronten an jedem Hof in andersfarbigem Putz (gelb, grün,
grau, violett) ausgeführt und mit Spalieren versehen, so daß
eine abwechslungsreiche, anmutige Umgebung und freundliche
Ausblicke für die Wohnungen entstanden.
Entwurf, architektonische Ausgestaltung und Bauleitung lag
in den Händen der Architekten Willy & Paul Kind in Rixdorf.
Von den beiden Häusergruppen der Rixdorfer Baugenossen-

schaft enthält das größere an der Fuldaerstraße

28
Wohnungen
von
2
26
»
»
1
2
»
»
2
31
»
»
1

Zimmern mit Bad,
Zimmer » »
Zimmern ohne Bad und
Zimmer » »

aber mit Badberechtigung in den gemeinsamen Badekammern,
außerdem 1 Bäckerei, 1 Schlächterei und 4 andre Läden.
Die kleinere Häusergruppe an der Weichselstraße umfaßt
29 Wohnungen von 2 Zimmern mit Bad,

11

» 1

» » »

1 Wohnung von 2 und 22 Wohnungen von 1 Zimmer
ohne Bad, aber mit Anteil am gemeinsamen Bade im Dach-
geschoß, außerdem 2 Läden, von denen der eine als Kasino
eingerichtet ist.
Das Gebäude der Ortskrankenkasse enthält im ersten

Stockwerk deren Sitzungs- und Verwaltungsräume. Alle übrigen
Teile sind durch besondern Vertrag der Baugenossenschaft für
deren Mitglieder überlassen und enthalten ebenso ausgestattete
Wohnungen, wie deren eigene Gebäude. Es sind hier vorhanden:

17 Wohnungen von 2 Zimmern mit Bad,
13 » »1 Zimmer » »
8 » » 2 undöWohnungen von IZimmer
ohne Bad, aber mit gemeinsamer Badegelegenheit im Dach-
geschoß, außerdem 5 Läden.
Zur gemeinsamen Benutzung sind ferner Waschküchen
und Rollkammern vorhanden. Die Gesamtanlage enthält so-
mit 203 Wohnungen, bezw. Läden mit Wohnung und 3 Läden
ohne Wohnung.
Sämtliche Wohnungen haben eine Speisekammer, eignen
Korridor, von diesem aus zugängliches Klosett, Zentralheizung,
in der Küche Gas- und Kohlenheizung und in Küche und
Bad Warmwasserzuführung, so daß Wirtschaftsbetrieb und Ge-
sundheitspflege wesentlich erleichtert und gefördert werden,
vor allem auch während des Winters und zur Zeit der Ar-
beitslosigkeit die Zimmer gleichmäßig bewohnt bleiben und
sich nicht alles in der Küche zusammendrängt. Von großem
Werte ist ferner die gemeinsame Entstaubungsanlage.
Die monatlichen Mietpreise betragen dabei für 1 Stube,
Küche und Bad 24,50-30 Mk., für 2 Stuben, Küche und Bad
36—48 Mk. je nach Lage, Größe und Zubehör. Die Genossen-
schaft hat kein Interesse daran, hohe Überschüsse herauszu-
arbeiten, weil sie als Genossenschaft für gemeinnützige Zwecke
höchstens 4 v. H. Dividende verteilen darf; doch ist für die
billiger angesetzten Wohnungen eine Erhöhung des Mietpreises
um 1—2 Mk. in Aussicht genommen, um genügende Ab-
schreibungen vom Bauwert zu ermöglichen.
Die gesamten Kosten der ganzen Anlage (3 Häusergruppen)
stellen sich auf rund 1 500 000 Mk. Für das Grundstück wur-
den 687 Mk. für die Quadratrute bezahlt, die Baukosten be-
tragen wenig über 350 Mk. für 1 qm bebaute Fläche. Die
gesamten Unkosten einschließlich Zentralheizung, Warmwasser-
leitung und Entstaubungsanlage sind auf 3O°/o der jährlichen
Mieten berechnet. Die Beleihung der Grundstücke erfordert die
üblichen Zinsen, 41/ä v. H. für die erste, 5 v. H. für die zweite
Hypothek, da die Genossenschaft nicht wie andre aus Staats-
mitteln eine Hypothek zu 3 v. H. erhalten konnte. Auch mußten
infolge der besonders ungünstigen Lage des Geldmarktes
während der Bauzeit besonders hohe Baugeldzinsen und Pro-
visionen bezahlt werden. Trotzdem konnte die Baugenossen-
schaft schon nach dem ersten Geschäftsjahr eine Dividende
von 4 v. H. verteilen.


Idealpassage in Rixdorf.
Violetter Hof (1).

Architekten: Willy & Paul Kind
in Rixdorf-Berlin.

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