Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 25.1909

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1909

ARCHITEKTONISCHE RUNDSCHAU

Heft 10

Eßzimmer. Entwurf: Architekt J. Schneider in Zürich.
Ausführung: Möbelfabrik Gygax & Limberger in Zürich.


Züricher Raumkunst

Vom September bis November des verflossenen Jahres
fand in den Ausstellungsräumen des Kunstgewerbe-
museums Zürich die erste Züricher Raumkunst-
ausstellung statt. Sie war auf Veranlassung und unter der
Leitung von Julius de Praetere, dem Direktor der Kunst-
gewerbeschule, zustande gekommen, dessen Wirksamkeit in
Zürich einen solch glücklichen Umschwung des Interesses für
Gewerbekunst verursacht hat, daß seine wechselnden Aus-
stellungen, die sich fast alle Monate ablösen, heute die best-
besuchten aller ähnlichen Institute Europas sind.
Die fünfundzwanzig Räume, die die Ausstellung aufwies,
waren alle von Architekten von Zürich und dem benachbarten
Winterthur entworfen; die Ausführung war ausschließlich das
Werk einheimischer Industrie. Das Zusammenarbeiten der
besten Architekturfirmen, der leistungsfähigsten Gewerbe-
treibenden und des Kunstgewerbemuseums erwies sich dabei
so wirksam, daß, trotzdem jeder entwerfende Künstler seine
eigene Sprache sprach, in deren Gebrauch ihn niemand be-
helligte, eine große Einheit im Stil entstand und kein Raum
den andern in seiner Wirkung störte.
Diese Einheit war die Folge nicht nur des äußern Zu-
sammenarbeitens, sondern gemeinsamer Prinzipien. Ausge-
schlossen war jedweder historische Stil, auch die Biedermeierei,
die bäuerliche Zierweise und jene künstlerisch unschöpferische
Art des Heimatschutzes, die nur in der Vergangenheit herum-
stöbert. Zu den Stilen, deren Geschichte sich bereits vollendet
hat, wurde auch der Jugendstil gerechnet und alles, was auch
nur von ferne an ihn erinnert.
Nicht nach der schönen Linie wurde gehastet, sondern
nach der praktisch und ästhetisch richtigen Teilung des Raums,

nach der einfachen logischen Holzkonstruktion und dem Orna-
ment gestrebt, das sich wie selbstverständlich aus der Gesamt-
form ergibt und sich nicht weiter vordrängt, als es sein muß.
Diese streng logische Kunst, die sich von allem Launenhaften,
bloß Phantastischen fernhält, ist allein geeignet, eine Um-
gebung zu schaffen, in der es dem Schweizer mit seinem Trieb
nach einfachem Leben auf die Dauer wohl ist.
Aber das sagt durchaus nicht, daß diese Grundsätze nüchterne,
poesielose Räume schaffen müßten! Darüber bedarf es nicht
der vielen Worte, das beweisen am sichersten die Abbildungen
von einigen Innenarchitekturen, die auf dieser Ausstellung zu
sehen waren.
Sehr vornehm und gediegen wirkte das von Pfleghard
& Häfeli entworfene Wohnzimmer. Reizvoll war besonders
die einheitliche Lichtwirkung. Das Licht flutet aus dem Garten
durch einen weiten, halbkreisförmigen Erker in die eine Zimmer-
hälfte; die andere mit der traulichen Kaminecke wird nur mehr
indirekt erhellt; äußerlich werden beide Hälften durch das
massive, auf seinen Außenflächen dekorativ ausgestaltete
Kanapee getrennt. Die Wandvertäfelung besteht aus hell
gewichstem Eichenholz; die Profilierungen sind weich und
so gehalten, daß Rahmen und Füllung auf gleiche Höhe zu
stehen kommen, was das Aufhängen von großen Bildern er-
leichtert. Die Mitte der Türfüllungen ist durch ein Tuyaviereck
hervorgehoben. Aus dem gleichen Material und ebenfalls ohne
jedes weitere Ornament sind die Möbel gearbeitet. Die Be-
züge der Polster bestehen aus hellbraunem Leder. Sehr be-
merkenswert sind die einfachen und ruhigen Leuchter aus
poliertem Messing.
Ein nicht minder vornehmer Raum ist das Eßzimmer von

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