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Heft 10




V i e

Sir Samuel Baker. (S 223.)

Verständnisse mit Jezioranski eine Falle gelegt zu haben;
dazu kam nach, daß er nach dem Gefechte verschwunden
war und blieb.
Es war ihm schlechter ergangen, wie er es sich hatte
träumen lassen. Genöthigt, an der Spitze der Kolonne
zu bleiben, erlitt er auch das ganze Mißgeschick derselben
mit. Umsonst versuchte er, sich durch das Gewühl zu
arbeiten; rückwärts ließen ihn die Russen nicht durch,
den Polen konnte er sich nicht in die Arme werfen, denn
er fürchtete nur zu sehr, daß sie Mißtrauen gegen ihn
geschöpft hätten, und als es ihn: endlich gelang, eine
kurze Strecke feitwärts in den Wald zu kommen, blieb
er geradezu in dem nwrastigen Boden stecken; zum Ucbcr-
flusse traf ihn gleich darauf noch eine Gewehrkugel in
die rechte Seite und Schmerz und Blutverlust wurden
alsbald so groß, daß er, nicht im Stande, sich länger
aufrecht zu erhalten, ohnmächtig zusammenfank.
Bon da ab wußte er Wohl lange Zeit nicht, was
mit ihm geschah; endlich aber war es ihm wie im Traume,

Erl> i n.
Roman
von
Stanislaus Graf Grabowski.
(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Bekanntlich ist der russische Soldat tapfer; auch hier
unterwarf er sich nicht sogleich dem Mißgeschicke. Die
Reihen schlossen sich bald wieder und Viele feuerten auf's
Gerathewohl gegen den kaum sichtbaren Feind. Dann
erfolgte ein förmlicher Sturm mit gefälltem Bayonnett
auf die Barrikade, doch überließen die Polen dieselbe
ohne hartnäckige Bertheidigung Brust an Brust und
Waren schnell wieder in: Waldesdnnkel verschwunden.
Dieselbe Scene wiederholte sich noch einige Male,
und die russischen Soldaten waren gezwungen, mit größtem
Nachtheile in schmäler Front anzugreifen, wobei die
polnischen Kugeln in ihrer langen und gedrängten Ko-
lonne große Verheerungen anrichteten, denn
wollten sie die Verhaue umgehen, so gerie-
thcn sie in den Sumpf, der sie nicht' von
der Stelle kommen ließ. Es wurde jetzt auch
augenscheinlich, daß die Insurgenten gut vor-
bereitet waren, sich in genügender Stärke zur
Stelle befanden und nur deshalb zurückwichen,
nm ihre Gegner in eine schlimme Falle zu
locken.
Dies erwies sich recht deutlich, als sie
auch ihre Geschütze mit Kartätschen spielen
ließen, während eS den Russen ganz unmög-
lich wurde, ihre Artillerie in diesem Engpässe
bei der Finsternis; vorzubringcn. Die Letzteren
schäumten vor Wuth, indessen sah der Be-
fehlshaber nach halbstündigen: Kampfe, in
dem er viele Leute verloren hatte, doch ein,
daß sich auf diese Weise den Insurgenten nicht
beikvmmen lasse und ordnete den Rückzug an.
Nun wurde die Verwirrung erst recht
groß; die siegestrunkenen Polen, von denen
jetzt der ganze Wald belebt war, drangen
um so kühner nach und machte«: zuweilen
die heftigsten Anfälle. So verheerende Resultate
wie bei Piaskowo-Skala hatte dieser Kampf
allerdings nicht, weil er sich nur auf einen
sehr kleinen Raum beschränken mußte, forderte
aber dennoch viele Opfer. Die Russen zoaen
sich bis an den Rand des Waldes und der
Sümpfe zurück und konnten hier nur einen
Beobachtnngsposten cinnehmen; der anbrechende
Tag belehrte sie, daß viel stärkere Kräfte
dazu gehörten, die Insurgenten aus diesen:
gefährlichen Schlupfwinkel zu vertreiben; gegen
Mittag kehrten sic daher nach ihren Garni-
sonen zurück, wobei sie noch den größten Thcil
ihrer Verwundeten mitnehmen konnten.
Da man sich selbst nun den Borwurf
machte, so unvorsichtig zu Werke gegangen zu
sein, und ihn doch von sich abzuwälzen ver-
suchte, fiel er ans Gregor, der sogar be-
schuldigt wurde, absichtlich und in: besten Ein-

als ob er Stimmen dicht nur sich her hörte und aufge-
hoben würde. Die stechenden Schinerzen, das Brennen
seiner Wunde kehrten nun von Neuem wieder und in
einer Art Fieber gelangte er zum Bewußtsein.
Dasselbe sollte indessen nicht sehr tröstlich sein. Es
waren Insurgenten, die ihn gesunde:: hatten, und aus
ihren Reden, denen er sich Wohl zu widersprechen hütete,
vernahm er, daß sie ihn für ihren Offizier hielten und
daß die Russen bereits den Rückzug angetreten hatten.
Sie behandelten ihn auch sehr gut und sorgsam, aber
welche Aussicht hatte er, wenn man ihn im Lager wieder-
erkannte? — doch nur die einzige, als Spion und
Vcrrüther vor ein Kriegsgericht gestellt und erschossen
oder aufgchängt zu werden.
Wie sich aber Jeder bis zum letzten Augenblicke an
die Hoffnung zu klammern Pflegt, so entwarf auch Gregor
jetzt schon den Plan, auszusagen, daß er nur zufällig
mit den Russen zusammengestoßen und von denselben
gezwungen worden sei, sie zu begleiten; vielleicht ließ sich
mit dieser Behauptung doch eine Galgenfrist
gewinnen und inzwischen kamen die Kaiser-
lichen Wohl mit verstärkten Kräften zurück.
Er vergaß nur, was sich bei seinen: körper-
lichen und geistigen Zustande wohl erklärt,
vollständig, daß er das Attest des Majors
aus Krasnik bei sich trug, und wäre auch
jetzt nicht in: Stande gewesen, sich desselben
zu entledigen.
Die Polen trugen ihn vorsichtig und sanft
nach ihrer Feld-Ambnlnncc, wo Doktor Dorn
gerade sehr eifrig, nebst noch einen: jüngeren
Arzte, beschäftigt war. Der Tag brach schon
an, und als Gregor ihn erblickte, überfiel ihn
ein konvulsivisches Zittern und er verlor
abermals das Bewußtsein.
Der Doktor war nicht wenig erstaunt,
als inan ihn: diesen neuen Verwundeten
brachte, und wußte sogleich, mit wem er es
zu thun habe. Man wird ihm schwerlich
verdenken können, daß er darüber frohlockte,
doch that er seine ärztliche Schuldigkeit in
vollsten: Maße; es war ihm auch selbst daran
gelegen, diesen Menschen an: Leben zu. erhal-
ten, damit sich von ihn: ein volles Einge-
ständnis; seiner Verbrechen erlangen ließe.
Die Wunde war nicht leicht, gab jedoch
auch nicht zu großen Befürchtungen Anlaß;
sie wurde jetzt, nachdem die Kugel ohne
Schwierigkeiten entfernt worden, sorgfältig
behandelt und verbunden.
Zu diesem Behufe mußte Gregor, der so
bald nicht wieder zu sich kam, auch entkleidet
werden, und Doktor Dorn fand an seinen
Hand- und Fußgelenken, auch auf dein Rücken
ganz eigenthümliche Wundennarben; die er-
steren rührten ohne Zweifel von eisernen
Fesseln her, die letzteren von der Knute. Dies
schien schon die Aussagen Kosinski's zu bestä-
kigen, doch ließ er denselben noch herbeiholen,
damit er seinen alten Gefängnißgenossen sicher
rekognoszire.
 
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