Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 10.1875

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1875.

Örns Melchior von Sonyatz. (<Z. 510.)

dieser Weg geworden war, wie sehr sie all' ihre Kräfte
zusammengerafft hatte. War sie am folgenden Morgen
im Stande, wieder zu kommen?
In diesem Augenblicke trat der Gerichtsrath aus dem
Zimmer, ein alter Herr mit ergrautem Haar und ge-
beugter Gestalt. Als er Johanna's bleiches Gesicht und
die Thränen in ihren Augen erblickte, blieb er stehen.
„Was will die Frau?" fragte er den Diener.
„Sie wünscht Sie zu sprechen, ich habe ihr bereits,
gesagt, daß sie morgen Früh wieder kommen möge," gab"
der Gerichtsbote zur Antwort.
Noch einmal sah der Gerichtsrath in das bleiche,
kummervolle Gesicht der jungen Frau.
„Kommen Sie," sprach er dann und trat in das
Zimmer zurück.
Johanna folgte ihm mit bebendem Herzen, das Ge-
sicht des bereits bejahrten Mannes flößte ihr jedoch Ver-
trauen ein, denn aus ihm sprach Milde und Güte.
Setzen Sie sich," sprach er, als er Johanna's

Die Fran des Arbeiters.
Roma n
von
Friedrich Friedrich.
(Forls-tz-mg.) (Nachdruck vcrboU-n.)
Mehr als zwanzig Mal wiederholte sich Johanna, was
sie dem Richter sagen wollte, sie glaubte, daß cs allein in
der Hand desselben liege, freizusprechen und zu vcrnr-
theilen, sic wußte nicht, daß dieser oft sein Herz gewalt-
sam zum Schweigen bringen muß, um der Forderung
und Strenge des Gesetzes zn genügen.
Endlich nach Tagen fühlte sic sich kräftig genug, den
schweren Gang zu wagen. Ihr Kind auf dem Arme
begab sie sich zn dem Gerichtsgebäude, von all' Denen,
welche ihr begegneten, sah sic Niemand, denn noch einmal
wiederholte sie sich Alles, was sie sagen wollte.
In dem Gebäude augelangt, erfuhr sie mir mit Mühe,
welcher Richter die Untersuchung gegen
Wenzel leitete. Sie bat den Gerichts-
boten, sic anzumeldcn, er fragte sie nach
ihrem Begehr und hieß sic dann in dem
Vorzimmer warten. Still setzte sie sich
in einer Ecke nieder. Die Luft war
schwül und dumpf, ihre Brust athmete
beklemmt. Sic war jetzt Wenzel so nahe
und er hatte keine Ahnung davon. Wenn
sie ihn nur für wenige Augenblicke hätte
sprechen können!
Männer und Frauen wurden in das
Vcrhörzinuuer geführt und kamen wieder
heraus; einige der Frauen weinten, die
Männer blickten besorgt oder trotzig wild.
Selbst ein Mann, dessen Hände gefesselt
waren, wurde zum Verhör vor den Richter
gebracht.
Unwillkürlich zuckte Johanna erschreckt
zusammen. War nicht auch ihr Mann
ein Gefangener? Er saß vielleicht mitten
unter rohen Verbrechern.
Äe hatte lange Zeit geduldig gewartet,
der Gerichtsbote schien sie gar nicht zu
bemerken. Als sie endlich zu ihm trat,
sprach er: „Ach, Sie habe ich ganz ver-
gessen. Heute ist es zu spät, denn der
Herr Kerichtsrath ist soeben im Begriffe,
sich nach Hanse zu begeben."
„Wenn ich ihn nur für wenige Mi-
nuten sprechen könnte," bat Johanna.
„Es geht nicht," crwiederte der Diener.
„Kommen Sic morgen Früh wieder,
dann werde ich an Sie denken. Es hat
ohnehin nicht solche Eile, denn wenn
Sie für Ihren Mann bitten wollen, so ist
es auch in acht Tagen noch Zeit genug,
da er so schnell nicht verurtheilt werden
wird. Außerdem wird es Ihnen nichts
helfen!"
In Johanna's Augen traten die Thränen.
Dieser Mann wußte nicht, wie schwer ihr

Zittern bemerkte, „uud dann sagen Sie mir, was Eie
wünschen."
Johanna nannte ihren Namen und sagte, daß sic
gekommen sei, um für ihren Alaun zu bitten.
„Ich weiß, daß er unrecht gehandelt hat," fügte sic
hinzu, „allein er hat cs nicht in böser Absicht gethau.
Er ist von Anderen verführt und benutzt, sie haben
Hoffnungen in ihm erweckt, an die er selbst fest glaubte;
er wollte den Arbeitern nützen, das war seine aufrichtige
und ehrliche Meinung, für die er die größten Opfer
gebracht hat. Wir hatten bis dahin still und zufrieden
gelebt — cs war sein größtes Glück, Abends daheim zu
sein — und dies Glück hat er geopfert."
„Ich glaube Ihnen gerne," entgegnete der Gerichts-
rath ruhig und nicht ohne Theilnahme, „allein ich kann
Ihnen nicht helfen, denn ich habe nicht das Urtheil über
ihn zn sprechen, und auch der Richter, dem diese Pflicht
obliegt, kann es nicht, über uns Allen steht das Gesetz,
dem Genüge geschehen muß. Ich habe nur die Vor-
untersuchung gegen Ihren Mann zu leiten
und er hat seine Schuld offen cingestandcn,
kein Richter kann ihn deshalb freisprechen.
Mag er es ehrlich gemeint haben, so ist
er doch der Führer der Arbeiter gewesen
und hat ihnen Versprechungen gemacht,
die er nimmermehr erfüllen konnte. Doch
nicht deshalb wird er bestraft werden, son-
dern weil er die Arbeiter, welche zur Ar-
beit zurückgekchrt waren, mit Gewalt zu-
rückgehaltcn und sich den Polizcibcamtcn
widersetzt hat. lind solchen Vergehen
gegenüber muß der Richter streng sein,
dein: wohin würde es führen, wenn die
Gewalt in die Hande von Leuten käme,
die von der Freiheit, die sie genießen,
einen so schlechten Gebrauch machen und
sie so wenig zu würdigen wissen. Mag
die Lage vieler Arbeiter eine traurige sein
— mit Gewalt werden sie dieselbe nimmer-
mehr verbessern. Und müssen sie denn
allein arbeiten? Liegen nicht auf uns,
die sic nicht zu den Ihrigen rechnen, die
sie vielleicht beneiden, noch viel schwerere
Lasten und Pflichten! Ich muß manchen
Tag bis spät in die Nacht hinein arbeiten
und doch murre ich nicht."
Aus Johanna's Brust rang sich ein
tiefer Seufzer, sie mußte gestehen, daß
der Gerichtsrath Recht hatte, ziemlich
dasselbe hatte sie Wenzel so oft gesagt.
Was half dies Alles jetzt, wo er ge-
fangen saß.
„Er wird es nicht ertragen, wenn er vcr-
nrtheilt wird!" rief sie, mit Mühe die
Thränen zurückhaltend.
„Er wird es ertragen," versicherte der
Gerichtsrath beruhigend. „Ich bin sogar
überzeugt, daß die Strafe auf sein ganzes
Leben heilbringend einwirken wird, denn
sie gibt ihm Zeit darüber nachzudenken,
wie thöricht er gehandelt hat. Die meisten



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