Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 10.1875

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Die Fran des Arbeiters.
R o m a n
von
Friedrich Friedrich.
(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
„Stallmeister," sprach der Baron, „Ihre Klugheit hat
noch nie Jemand in Zweifel gezogen, wir Alle wissen,
daß Sie ein feiner Kopf find, trotzdem lassen Sie nns
die Zeit nicht verschwenden. Machen Sie hier Platz auf
dein Tische, damit ich Raum für die Karten habe!"
Hobel trat wieder ein und legte ein neues Spiel
Karten auf den Tisch.
Gersdorffen nahm eS in die Hand und mischte.
„Ist auch die Thüre sicher verschlossen?" rief er.
Er sprang auf, eilte an die Thüre und überzeugte
sich, daß der Riegel vorgeschoben sei. Diesen kurzen
Augenblick hatte er benutzt, um ein an-
deres Spiel Karten aus der Tasche zu
ziehen und mit dem des Wirthes zu ver-
tauschen. Als er an den Tisch trat,
mischte er unbefangen weiter und selbst
wenn Gerhard Verdacht geschöpft hätte,
so wäre sein Auge nicht im Stande ge-
wesen, die Umwechslung zu bemerken.
Ohnehin hatte Hassel sich zu ihm gesetzt
und ihm zugeflüstert, daß er sich zusammen
nehmen möge.
Das Spiel begann. Gerhard gewann
anfangs, um ihm Muth einzuflößen, dann
verlor er. Ihn ärgerte der Verlust, er
verdoppelte die Einsätze und noch waren
nicht zwei Stunden verflossen, so hatte
er den letzten Louisd'or aus der Tasche
gezogen und verloren.
Sein Gesicht war geröthet von leiden-
schaftlicher Erregung, seine Stirne glühte.
„Haben Sie noch Geld's" fragte er
Hassel leise.
Dieser zeigte ihm seine Hand, nur
wenige Thaler waren noch darin.
„Hies ist Alles, was ich besitze," be-
merkte er. „Das Glück scheint ganz ver-
gessen zu haben, daß ich noch existire."
Der Baron bemerkte, daß Gerhard nicht
mehr setzte.
„Fröbel, Sie haben heute merkwürdiges
Pech!" rief er. „Hier!" und er schob ihm
zehn Louisd'or hin. „Sie wissen, daß es
mir Vergnügen macht, Ihnen eine Kleinig-
keit zu leihen."
Gerhard zögerte.
„Nehmen Sie, geliehenes Geld bringt
Glück," flüsterte Hassel ihm zu. „Sie
können das Verlorene noch wieder ge-
winnen — nur nie den Muth verloren!"
Gerhard nahm das Angebotene, er be-
fand sich in einer Stimmung, in der es
ihm gleichgiltig war, ob er noch zehn
Louisd'or mehr verlor oder nicht.

Und er verlor sie, ehe eine Stunde verflossen war.
Erregt sprang er auf. Der Baron rief ihm zu: „Frö-
bel, wir trinken noch eine Flasche Sekt," er hörte die
Worte kaum, hatte er doch nicht einmal mehr so viel
Geld, nur den Wirth bezahlen zu können.
„Ich darf nicht mehr spielen, denn ich verliere regel-
mäßig!" rief er.
Der Doktor, welcher sehr viel getrunken hatte und
dessen Augen einen gläsernen Ausdruck angenommen, trat
zu ihm.
„Spielen Sie immerhin weiter," sprach er. „Kennen
Sie nicht den alten Spruch: Wer Unglück im Spiel hat,
hat nm so mehr Glück in der Liebe? Es liegt viel
Wahres darin, denn das ganze Leben ist ein Aus-
gleichungsprozeß. Sehen Sic, wer in der Lage ist, vor-
trefflich speisen zu können, hat selten einen guten Appetit,
und dem Hungrigen fehlt es gewöhnlich an guten Ge-
richten. Blicken Sie auf den Stallmeister. An Körper-

größe ist er nns Allen überlegen, er ist ein Riese, des-
halb ist sein Verstand auch zwerghaft. Sie haben einen
reichen Vater, deshalb wäre es eine Ungerechtigkeit des
Geschickes, wenn Sic auch noch Glück im Spiele hätten.
Kennen Sie die Geschichte vom Polykrates?"
„Gewiß," versicherte Gerhard, denn ,Er stand auf
seines Daches Zinnen' tönte ihm noch aus der Schulzeit
in den Ohren, viel mehr wußte er freilich nicht davon.
„Sehen Sie, dieser Mann — persönlich habe ich ihn
freilich nicht gekannt — war König, reich, vergnügt, be-
saß viele Schiffe und gewann sogar noch große Summen
im Sechsundsechzig-Spiel. Sein eigenes Glück machte
ihn besorgt, deshalb opferte er einen Ring! Ihnen fehlt
auch wenig, deshalb opfern Sie getrost dem Spielgottc
einige Thaler, das Glück wird Sie deshalb um so fester
in seine Arme schließen!"
Gerhard blickte halb verlegen und halb scheu darein,
denn er hatte vor Rüssel's scharfer Zunge stets eine ge-
wisse Furcht gehabt.
„Lassen Sie sich mit dem Doktor nicht
ein!" rief der Stallmeister, ihn: die breite
Hand auf die Schulter legend. „Er gilt
für einen sehr gelehrten Mann und doch
bin ich überzeugt, daß er nicht einmal
einen guten Anschluß hat, wenn er im
Sattel sitzt! Haha!"
„Stallmeister, wissen Sie auch woher
das kommt?" warf Rüssel ein.
„Weil Sie nicht reiten können!"
„Nein, weil ich meistens auf Eseln
hcrumreite!"
Der Stallmeister blickte ihn groß an.
Es klangen ihn: die Worte wie eine An-
spielung, er verstand sie nur nicht.
„Sie können gar nicht reiten," wieder-
holte er.
„Kommen Sie, kommen Sie, Stall-
meister! Ich werde Sie nach Hause be-
gleiten und Ihnen den Beweis liefern,
daß ich ein Pferd sehr gut zu führen
verstehe."
Die kleine Gesellschaft trennte sich
lachend. Der Stallmeister begriff zwar
nicht, worüber gelacht wurde, er hielt cs
jedoch für seine Pflicht, möglichst laut
mitzulachen.
11.
Gerhard und Hassel schritten einige Mi-
nuten lang schweigend neben einander ans
der Straße hin. Gerhard ärgerte sich über
den Verlust, weil er sich sagte, daß er
sich für das Geld ein weit größeres Ver-
gnügen hätte verschaffen können, Hassel
war im Innern vergnügt über den Abend,
der ihm einen erfreulichen Gewinnantheil
brachte, sein Gesicht zeigte indessen noch
mehr Unwillen als das seines Begleiters.
„Wir haben uns heute Beide getäuscht!"
brach er endlich das Schweigen. „Sie
haben mehr verloren als ich, allein Sie
können den Verlust auch leichter ver-


Karola, ltimigin von Kachsen.
Nach einer Photographie gezeichnet von C. Kolb. (S. 3SI.)
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