Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 10.1875

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Die Fran des Arbeiters.
Roman
von
Friedrich Friedrich.
(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Ina Vermochte nicht zu antworten. Jetzt endlich
ruhte sie an der Brust, nach der sie sich so sehr gesehnt
und an der sie sich dreist ausweinen konnte.
Johanna geleitete die Freundin in ihr enges Zimmer
und dort saßen die beiden Mädchen bis spät in die Nacht.
Ina erzählte der Freundin, was sie zu ihr getrieben
hatte und wodurch die Hoffnung, die ihr Herz noch im-
mer im Stillen genährt, vernichtet war.
„Sei ruhig, Ina," bat Johanna, indem sie den Kopf
des weinenden Mädchens an ihre Brust lehnte und
schmeichelnd über das Haar derselben hinstrich. „Jetzt wird
Dein Herz ihn vergessen und dann wird es wieder ruhiger
schlagen und neuer Hoffnung sich öffnen."
Zweifelnd, ablehnend schüttelte Ina
mit dem Kopfe.
„Du wirst ihn vergessen," wiederholte
Johanna. „Es gibt Wohl nur wenige
Menschen, die das Glück, welches für
sie bestimmt ist, ohne Kampf erringen.
Die meisten unserer Jugendträume wer-
den vernichtet und wir müssen zufrieden
sein, wenn nur einige in Erfüllung
gehen. Sieh, mir erscheint das Herz
eines jungen Mädchens mit allen seinen
Träumen und Hoffnungen stets wie ein
üppig blühender Baum. Wenn alle
diese Blüthen sich zu Früchten ent-
wickelten, so würden seine Zweige nicht
Raum dafür haben und unter der Last
brechen. Hunderte und Hunderte schüttelt
jeder Windstoß ab, er scheint zuletzt
völlig entblättert dazustehen, und doch
haben alle die Blüthen, welche Lebens-
kraft besaßen, Früchte angesetzt und
reifen ihrer Bestimmung entgegen. So
ist es auch mit dem Herzen."
„Hat auch Dir das Leben Träume
und Hoffnungen abgestreift und ver-
nichtet?" fragte Ina.
Johanna schwieg eine Minute lang,
ihr Auge blickte sinnend vor sich hin
und ein leiser, trauernder Zug schien
über ihre hübschen Züge hinzuglciten.
Sie dachte daran, wie glühend auch
sie Brankow geliebt hatte.
„Mir ist es ebenso wenig erspart ge-
blieben wie Dir," entgegnete sie dann
ruhig.
„Und fühlst Du Dich jetzt glück-
lich ? Liebst Du Deinen Verlobten mit
der ganzen Innigkeit Deines Herzens?"
fuhr'Ina fragend fort.
Wieder schwieg Johanna einen flüch-
tigen Augenolick lang.

„Ja," entgegnete sie dann mit fester Stimme. „Ich
habe ihm mein Herz geschenkt und es wird in Treue
und Liebe mit ihm ansharrcn, was das Leben auch über
ihn verhängen mag."
9.
Einige Wochen blieb Ina bei ihrer Freundin, dann
kam ihre Tante, um sie zurückzuholen. Sie folgte der-
selben willig, denn jetzt fürchtete sie den Haß, welchen
die alte Dame gegen die Männer hegte, nicht mehr. Ihr
Herz hatte sich von Brankow völlig losgesagt, es war
aber eine Lede in demselben zurückgeblieben, welche noch
durch nichts wieder ausgefüllt wurde. Johanna's festes
und starkes Herz, welches mit einem Male alle Jugend-
träume von sich abgeschüttelt hatte und das Leben mit
einem ruhigen Ernste anffaßte, verstand sie nicht; einmal
getäuscht, glaubte sic uichts mehr hoffen zu dürfen.
Johanna hatte sich immer inniger au Wenzel an-
geschlossen. Die Befürchtung, die anfangs Wohl in ihr
aufgesticgen war, daß sein Herz durch das Mitleid mit

ihr beeinflußt sei, schwand mehr und mehr, sie wußte
jetzt, daß er sie aufrichtig und innig liebte. Sein ehr-
licher und rechtschaffener Charakter schien ihr eine sichere
Bürgschaft für ihr Glück zu sein, und wenn er des
Abends bei ihr saß und ihr ausmalte, wie er alle seine
Kraft zusammen nehmen wolle, uni sich emporzuschwiugen,
dann stiegen anch Wohl in ihr wieder stolze Träume
empor.
Hatte nicht schon Mancher als einsacher Arbeiter be-
gonnen und sich durch eigene Kraft und durch Fleiß
emporgeschwungen? Und durfte sie auf den, den sie
liebte und der trotz seiner Jugend sich bereits die Stel-
lung eines Werkführers errungen hatte, nicht Hoffnungen
bauen? Weil sie fest auf die Kraft und die Macht der
Arbeit vertraute, deshalb hatte sie Wenzel ohne Bangen
ihre Hand gereicht.
Monate flössen so für sie still und glücklich dahin.
Wenzel hegte den innigsten Wunsch, bald mit ihr für
immer verbunden zu werden, und sie gab demselben nach.
Mochten auch Manche den Kopf über
sie schütteln, weil sie der Trauer um
den Tod ihrer Mutter nur eine so
kurze Zeit widmete, sie war stark genug,
um sich über diese äußere Form hiu-
wegzusetzcn, wußte sie doch, daß sic
ihre Mutter nicht vergessen werde,
auch wenn sie Wenzel's Gattin war.
Der Todten konnte sie nicht mehr
nützen, alle ihre Sorge gehörte jetzt
den: Lebenden an, den sie liebte und
auf den sic ihr ganzes Lebensglück ge-
baut hatte.
Nur um Eins bat sie Wenzel.
„Laß uns unsere Verbindung ganz
in der Stille und allein feiern," bat
sie. „Wir bedürfen für unser Glück
keiner Zeugen und keiner Menschen.
Mich beschleicht bei einer großen Hoch-
zeit, bei der aller Luxus und Glanz
entwickelt wird, stets die Befürchtung,
als werde das Geschick dadurch heraus-
gefordert. Sieh, in Platencr's Hause
lebte eine alte Dienerin, die schon bei
seinen: Vater in Dienst gestanden hatte.
Sie erzählte mir oft, mit welchem Luxus
Platencr's Hochzeit gefeiert Ivar. Der
alte Platcner schenkte seinem Sohne das
schöne Landhaus als Hochzeitsgeschenk.
Dort wurde die Hochzeit gefeiert, mehr
als 200 Personen nahmen daran Theil
und das Landhaus sammt seinem Garten
waren in einen Feenpalast umgcwandelt.
Die alte Dienerin erzählte, daß die
Hochzeit Tausende gekostet habe, Tage
lang sei in der Stadt nur von ihr ge-
sprochen worden: und wie still und allein
wurde Platener zum Friedhöfe hinaus-
gefahren, wie schnell war sein ganzes
Vermögen dahin und wie traurig
endete er!"
„Durch seine Schuld," sagte Wenzel.

Albert. Kimi» »ou Sachsen. Nach einer Photographie gezeichnet von C. Kolb. (S. 367.)
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