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Die Fr,ui des Arbeiters.
8! o m a n
von
Friedrich Friedrich.
«Fortictzung.)
(Nachdruck verboten.)
Die Erbitterung des Volkshanfens war dadurch, das;
ihm der Gegenstand, an dem er seine Wuth auslassen
konnte, entrissen war, nur noch gesteigert. Einige Augen-
blicke lang blieb die Menge, über die Polizcibcamten schim-
pfend, stehen, sie Ivar unschlüssig, was sie thun sollte.
Da rief eine laute Stimme mitten aus dein dichten
Haufen: „Auf, zu dem Hause des Betrügers, wir wollen
es der Erde gleich machen und die Betro-
genen rächen!"
Jubelnd stimmte die Menge ein, die
Worte erklangen wie ein Befehl, wie ein
Zeichen zum Angriffe. Schreiend und
pfeifend wälzte sie sich durch die Straße
bis zu Platener's Hause.
Zum Glücke hatte die Polizei noch
rechtzeitig hievon Kenntnis; erhalten. Als
die Menge vor dem Hause anlangte, fand
sie die Thüre desselben bereits durch Poli-
zisten besetzt. Zögernd blieb sic stehen,
weil sie nicht wußte, ob in dem Hause
nicht noch mehr Polizeibeamte verborgen
waren. Laut schreiend stieß sie Drohrufe
ans, als indessen einige der Lautesten ver-
haftet waren, zogen sich die klebrigen zurück.
In der Stadt hatte durch den Auflauf
das Gerücht, daß Platener viele Arme
betrogen Habe, eine immer festere Begrün-
dung gefunden, selbst die Verständigeren
sagten sich: wie wäre eine solche Erbitterung
des Volkes möglich, wenn das Gerücht
jeder Wahrheit entbehrte? Sie wußten
nicht, wie leicht eine erregte Menge irre
zu leiten und zu den schlimmsten Gewält-
thaten zu führen ist. Ruft einer: „DeL
ist ein Betrüger! Der hat das Volk be-
trogen!" so stimmen ihm Alle bei, ohne
daß ein Einziger besonnen genug ist zu
fragen, ob die Anschuldigung wahr sei.
Die ganze Stadt war in Aufregung
gerathen, die Polizei hatte sogar nach
Platener's Landhause Polizisten geschickt,
nm dasselbe zu schützen, denn die Befürch-
tung, daß die erregte Menge sich dorthin
wenden könne, lag nur allzu nahe.
Moses Kronberg war inmitten des
erregten Volkshanscns gesehen. Der Poli-
zeikommissär selbst hatte ihn bemerkt, zwar
hatte er nur wahrgenommen, daß er sehr
lebhaft mit den Armen und Händen ge-
stikulirte, dennoch hatte sich ihm die Ver-
mnthnng aufgcdrüngt, das; er das bereits
erbitterte Volk noch mehr aufgereizt habe.
Es lag dies dem Charakter des Juden,
der weder ein Gefühl der Dankbarkeit noch

der Freundschaft kannte, der in allen Lebenslagen nur
an sich selbst und seinen Vortheil dachte, der ohne die
leiseste Regung seines Gewissens Hunderte geopfert haben
würde, wenn er einen Gewinn dadurch erlangt hätte,
durchaus nicht fern. Wurde es bekannt, daß er Platener
zu den Spekulationen an der Börse getrieben und die
großen Verluste desselben mit verschuldet hatte, so war
vvrauszuseheu, daß auch gegen ihn der Unwille sich in
gleichem Grade richten werde. Dies schien er Wohl zu
wissen und sich deshalb der Gunst des Volkes im Voraus
zu versichern. Wenn er selbst als ein Gegner Platener's
auftrat, dann mußte es den Meisten doch als zweifelhaft
erscheinen, daß er für den Mann so viele Börsengeschäfte
besorgt und durch ihn so viel Geld verdient habe.

Der Kommissär ließ ihn verhaften und kurze Zeit
darauf auf sein Bureau führen, um ihn zu verhören.
Aeußcrlich mit demüthigcr Unterwürfigkeit, im Inneren
aber voll Trotz und Dreistigkeit trat Kronberg ein. ,Schvn
der dreiste Blick, den er durch das Zimmer gleiten ließ,
schien zu sagen: „Wer kann uiir etwas anhaben! Was
ich gethan habe, ist nicht gegen das Gesetz; ich kenne das
Gesetz und weiß, wie man es umgehen muß, ohne straf-
bar zu werden!"
„Herr Kommissär," sprach er, indem er mit gebeug-
tem Kopfe dastand. „Ich bin durch die Polizei verhaftet
und weiß nicht weshalb. Ich bin ein friedlicher Mann,
der nie einem Menschen ein Leid zugefügt, ich habe nie
etwas gegen das Gesetz gethan, denn das Gesetz ist von
der Obrigkeit und die Obrigkeit ist von
Gott! Still gehe ich meinem Geschäfte
nach und bin zufrieden, daß ich auf ehr-
liche Weise so viel verdiene, nm davon
leben zu können. Mehr verlange ich nicht.
Meine Freunde sagen stets von mir, der
Moses Kronberg könnte gute Geschäfte
machen, wenn er nicht so gewissenhaft
wäre, allein mir steht das Gewissen höher
als das Geschäft."
Unwillig unterbrach ihn der Kommissär,
der den Charakter dieses Mannes zur
Genüge kannte.
„In welchem Verhältnisse haben Sie
zu Platener gestanden?" fragte er.
Kronberg blickte ihn scheinbar überrascht
an, als verstehe er diese Frage nicht recht.
„In welchem Verhältnisse?" wieder-
holte er. „Herr Platener war ein reicher
Mann und ich bin ein armer Agent, der
dankbar ist, wenn ihm Jemand einen Auf-
trag ertheilt. Wird der reiche stolze Mann,
der in eigener Equipage fuhr, mit dem
armen Kronberg ein Verhältniß gehabt
haben!"
„Sie haben mit ihm in Geschäftsver-
bindung gestanden," warf der Kommissär
ein. „Er hat sich Ihrer zu Spekulationen
an der Börse bedient?"
„Herr Kommissär, würde ich glücklich
gewesen sein, wenn ich mit dem reichen
Kaufmanne in Geschäftsverbindung gestan-
den , wenn ich in seinem Buche ein Conto
gehabt hätte! Herr Platener schickte eines
Tages zu mir und erwies mir die Ehre,
mich in sein Privatzimmer zu rufen. ,Kron-
berg/ sprach er zu mir, ,ich kenne Sie
als ehrlichen und gewandten Mann, des-
halb Null ich Ihren "Rath benutzen. Sagen
Sie mir offen, halten Sie diese und jene
Papiere für gut oder schlecht, wo Alle
ap der Börse spekuliren und Geld verdie-
nen, will ich es auch thun? Und ich
theilte ihm meine Ansicht mit, wie ich es
als ehrlicher Agent nicht besser konnte und
wußte!"
„Hat Sie Platener nie mit dem

BEire. (S. 271.)
 
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