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Nie Fran des Arbeiters.
R o m a n
von
Friedrich Friedrich.
«Fortsetzung.)
2«> (Nachdruck verboten.)
Gerhard lvar mit Ina zu seinen Eltern gereist, nm
diesen seine Verlobte vvrznstellen. Fröbel, der bereits
van Berger brieflich über Jna's Eharakter nnd die gün-
stige Veränderung in Gerhards Lebensweise unterrichtet
war, empfing die neue Tächter mit offenen Armen. Daß
Ina kein Vermögen besaß, bekümmerte ihn nicht, da er
selbst reich war« ihn erfreute, daß sie ans Gerhard einen
so günstigen Einfluß ansgeübt hatte.
Sofort am folgenden Tage wollte Ina von Gerhard
begleitet ihre Freundin anfsuchen nnd sie begaben sich
nach dem Hanse, in welchem dieselbe früher gewohnt
hatte, um dort Erkundigungen über sie einznziehen.
Gerhards Herz schlug schneller und das
Blut stieg ihm in die Wangen, als er
die Schwelle deS Hauses überschritt, in
dem er so lustige und tolle Stunden erlebt
hatte, au die er jetzt jedoch nicht ohne
ein Gefühl der Beschämung znrückdachte.
Er hatte keine Ahnung gehabt, daß
Jna's Freundin hier gewohnt. Mußte er
nicht befürchten, daß seine Verlobte durch
dieselbe sein Verhältnis; zu Betty erfahren
werde?
Noch hatte er nicht den Muth besessen,
darüber zu sprechen, er hegte zu Ina das
feste Vertrauen, daß sie ihm verzeihen
werde; es war für ihn jedoch ein zn
demüthigcndcs Gefühl, seine Liebe zn einem
Mädchen zu gestehen, das mit einem
Manne, der in dem Verdachte des falschen
Spiels stand, entflohen war.
Ina bemerkte seine Verlegenheit und
fragte ihn nach der Ursache derselben.
„Ich betrete dies Hans nicht gerne, weil
sich für mich an dasselbe Erinnerungen
knüpfen, die ich gerne vergessen mochte,"
gab Gerhard zur Antwort' „Ich werde
Dir Alles offen mittheilen, weil ich weiß,
daß Du mir verzeihen wirst, nur jetzt —
in diesem Augenblicke kann ich es nicht!"
Ina blickte ihn überrascht nnd besorgt
an; eine bange Ahnung stieg in ihr auf.
„Betrifft auch meine Freundin diese Er-
innerung mit?" fragte sie.
„Nein, nein! Ich kenne dieselbe nicht,"
versicherte Gerhard.
Ina schien wieder ruhig zn werden; diese
Ruhe wahrte jedoch nur so lange, bis der
Wirth, bei dem sie nach Johanna forschten,
ihnen erzählte, welches Geschick Johanna's
Alaun betroffen hatte.
Erschreckt fuhr Ina zusammen, sie mußte
sich an dem Arme ihres Verlobten aufrecht

hallen. Johanna's Mann im Gefängnisse, sie selbst viel-
leicht der Noch preisgegeben! Sie dachte daran, mit welcher
Liebe Johanna von ihrem Manne geschrieben, sie wußte,
mit welchem Vertrauen dieselbe an ihm hing; sie hatte
einem Arbeiter ihre Hand gereicht, weil sie in der Arbeit
die sicherste Grundlage erblickte und nun — nun stand
sic vielleicht verlassen und allein da.
„Wo ist sic jetzt?" fragte sie, die Worte mit Mühe
hervorbringend.
„Ich weiß es nicht und habe mich auch nicht darum
gekümmert," entgegnete der Wirth. „Sie konnte die
Miethe nicht bezahlen, da habe ich sie einfach aus der
Wohnung bringen lassen. Ihre Sachen habe ich zum
Theil zurück behalten, um Sicherheit für meine Forderung
zu haben!"
„O Kott!" rief Ina nnd Preßte die Hand vor die
Angen, denn vor ihr stieg ein düsteres Bild auf. Ihre
Freundin fortgestoßen aus der Wohnung, allein mit ihrem
Kinde, ohne Beistand.
„Ich hatte ein Recht dazu," fuhr der Wirth fort,

dein Jna's Ruf wie ein Vorwurf ktang. „Sollte ich
vielleicht mit der Fran, deren Mann den Arbeitern die
Köpfe verrückt hat, der in den Versammlungen Reden
gegen die Arbeitgeber und alle Vermögenden hielt, noch
Mitleid empfinden? Ihr Mann erleidet jetzt die verdiente
Strafe im Gefängnisse, sie muß mitlciden, denn weshalb hat
sie ihn geheirathet? Ich mag solche Leute nicht in meinem
Hause dulden! Der Mann hatte einen guten Verdienst,
allein er war nicht zufrieden damit, er wollte mehr haben.
Hohen Lohn nnd wenig Arbeit, das ist ja jetzt der Ruf
aller Arbeiter, als ob beides sich zusammen vertrüge!
Tie Leute wollen nichts thun und besser leben als unser-
einer. Es ist die höchste Zeit, daß sic zur Vernunft
gebracht werden, und das Gefängnis; ist der beste Ort
dazu!"
Ina zog Gerhard mit sich fort, denn sie war nicht
im Stande, noch länger die Worte des herzlosen Mannes
anzuhören. Sie dachte nicht mehr an das, was Gerhard
ihr mittheilen wollte, in ihr lebte nur das eine Ver-
langen, zu erfahren, wo Johanna war, um zn ihr
eilen und ihr Hilfe bringen zu können.
Auch Fröbel wußte nicht, wo die Fran
seines früheren Werkführers wohnte. Er
wandte sich an die Polizei, derselben war
Johanna's Wohnung nicht angezeigt.
Durch einen seiner Arbeiter erfuhr er end-
lich am folgenden Morgen, wo die Un-
glückliche eine Zufluchtsstätte gefunden hatte.
„Bleib hier, ich will sie aufsuchen,"
sprach er zu Ina, als er ihr mitgetheilt,
das; er endlich ihre Wohnung erfahren. Ter
Arbeiter hatte ihm gesagt, daß Johanna
sich in der größten Noth befinde und dies
wollte er der Verlobten seines Sohnes
verbergen.
„Ich muß selbst zu ihr eilen," entgeg-
nete Ina. „Ich kenne Johanna zu gut und
weiß, daß ihr nichts Wohler thun wird,
als wenn sie gegen die Freundin sich aus-
sprechen nnd ihr Alles mitthcilen kann."
„Du wirst Deine Freundin vielleicht
sehr verändert finden," fuhr Fröbel fort,
„sie ist in bitterer Noth — laß deshalb
mich zu ihr gehen. Ich werde ihr nicht
nachtragen, was ihr Mann gegen mich
verschuldet hat, Deinetwegen will ich mich
ihrer annehmen und sie unterstützen. Dies
werde ich ihr sagen nnd ich denke es wird
sic erfreuen. Dann magst Du sie besuchen
— thu' es nicht früher, denn es berührt
nichts schmerzvoller, als wenn Nur Freunde
im Elend Wiedersehen!"
„Wenn sie in Noth ist, so treibt es mich
nm so mehr zu ihr," erwicderte Ina. „Ich
würde doch keine ruhige Stunde haben, bis
ich sie wiedergesehen habe. Sie hat auch
mich einst getestet nnd mir getreu zur
Seite gestanden und jetzt, wo ich ihr viel-
leicht helfen kann, sollte ich zögern!"
„Dann werde ich Dich begleiten," be-
merkte Fröbel.

Theodor Storm. Nach einer Photogradhie gezeichnet von C. Kolb, (S. 558.)
 
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