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530

denn sie fühlte, wie heftig das Blut in ihre Wangen
geschossen war.
„Sprechen Sie!" bat Gerhard. „Darf ich das Ziel,
auf welches alle meine Wünsche gerichtet sind, zu er-
reichen hoffen? Wollen Sie mir eine neue, bessere Zu-
kunft eröffnen? Sagen Sie nicht ,Neinh denn dies eine
Wort würde mir jeden Werth des Lebens rauben! Ich
würde jeden guten Entschluß, den ich gefaßt habe, von
mir werfen, denn wozu soll man ringen, wenn das Leben
keinen Werth mehr hat, wenn man auf keinen Sieg
hoffen darf! Ina, nehmen Sie mir wenigstens die Hoff-
nung nicht," fuhr er dringender fort, indem er stehen
blieb und ihre Hand erfaßte. „Sie können ja jeden Tag
Ihr Wort zurücknehmen, wenn Sie sehen, daß ich Ihrer
nicht würdig bin! Oder glauben Sie nicht an die ver-
edelnde Kraft der Liebe? Bin ich Ihrem Herzen so
gleichgiltig, daß es nicht einmal Mitleid mit nur em-
pfindet?"
„Nein — nein!" stammelte Ina — sic wußte kaum,
was sie sprach. Gerhards Geständniß hatte sie zu sehr
überrascht, sie fühlte Wohl, daß ihr Herz für ihn schlug,
sie glaubte demselben jedoch nicht.
„Ina, dann sage mir, daß Deine Hand mich schützen
soll!" rief Gerhard. „Laß sie mir für das ganze Leben,
ich will sie heilig halten, wie das höchste Gut, das uns
aus Gnade geschenkt ist!"
Ina zitterte und doch war sie nicht im Stande, ihm
die Hand zu entziehen.
„Soll sie mein sein?" rief Gerhard, sie noch fester
umschließend. „Du kannst einen Menschen für die ganze
Dauer seines Lebens glücklich machen — sage nicht
nein!"
„Du hast sie ja bereits," entgegnete Ina leise.
„Mein, mein!" jubelte Gerhard auf. Er Preßte die
Hand an seine Lippen und würde Ina an sein Herz ge-
zogen haben, wenn er nicht in der Ferne Menschen er-
blickt hätte.
„Nun soll mein ganzes Leben Dir gehören!" fuhr
er glücklich fort, indem er den Schleier von Jna's Ge-
sichte zurückschob, um ihr in das Auge zu blicken. „Was
ich Dir in dieser Stunde gelobt habe, das will ich hal-
ten, fest und treu. Ist es nur doch, als ob ein anderes
Blut jetzt durch meine Adern rinne, als ob ich gewachsen
und stärker geworden sei! Ja, ich fühle die Kraft in
mir, jedes Hinderniß, das unserer Liebe entgcgentritt,
niederzuwerfen und zu besiegen — ich lasse nicht von
Dir und müßle ich mein Leben hingeben!"
Ina drängte zur Heimkehr. Arn: in Arn: gingen
sie zur Stadt zurück und immer und immer mußte Ina
Gerhard wiederholen, daß auch sie ihn liebe.
Als sie in Berger's Hause angelnngt waren und
Gerhard sie an sich zog und den ersten Kuß auf ihre
Lippen Preßte, riß sie sich von ihm los und eilte die
Treppe hinauf in ihr Zimmer.
Thekla sah sie mit hochgerötheten Wangen und tief-
athmender Brust eintreten, sie schien erschreckt zu sein
und doch strahlten ihre Augen voll Glück. Die alte
Dame blickte sie scharf und prüfend an. Einen Augen-
blick lang wartete sie, ob Ina ihr nichts mittheilen werde,
als diese indessen an das Fenster eilte, fragte sie nut
ihrer scharf und kalt klingenden Stimme: „Was ist
geschehen?"
Ina zögerte mit der Antwort; es war ihr jedoch
nicht möglich, das Glück, welches ihre Brust erfüllte,
länger zu verschweigen, zu ihrer Tante eilend erfaßte sie
deren Rechte mit beiden Händen und rief: „Tante, ich
habe mich verlobt!"
Sie hatte vielleicht erwartet, daß die alte Dame sie
wie eine Mutter an ihre Brust ziehen werde, aber Thekla
zuckte wie von einen: Insekt gestochen zusammen und in
den: Blicke, den sie ans Ina richtete, lag wirklich etwas
Giftiges. Kalt entzog sie derselben ihre Hand.
„Berlobt?" wiederholte sie.
„Ja, Tante!" rief die Glückliche. „Ich ging in den
Anlagen spazieren, da begegnete er nur. Er begleitete
mich und — wie es gekommen ist, weiß ich selbst nicht
mehr, er gestand mir, daß er mich liebe, er bat so innig,
daß ich ihm meine Hand schenken und die Seinige wer-
den möge, da konnte ich nicht länger widerstehen, denn
ich bin ihn: ja gut — ich gab ihn: mein Wort."
Die so glücklichen Worte des Mädchens machten auf
die Alte nicht den geringsten Eindruck, ein boshafter Zug
zuckte über ihr Gesicht hin, sie gönnte Ina das Glück
nicht.
„Wen: bist Du gut? Mit wen: hast Du Dich
verlobt?" fragte sie.
„Mit Gerhard!"
Die Alte fuhr nut einen: Male empor und stand
gerade da, sie blickte Ina so erschreckt an, als ob ihr
ein Gespenst erschienen wäre.
„Mit wen:?" fragte sie noch einmal, denn sie mußte
sich verhört haben, es war ja nicht möglich — sie ver-
mochte nicht einmal den Gedanken zu fassen.
„Mit Gerhard," sprach Ina noch einmal.
Thekla Bremer trat einen Schritt zurück, nm mit
ihrer Nichte nicht in die geringste Berührung mehr zu
kommen.
„Mit ihm, mit diesem abscheulichen Menschen!" rief

Das Buch für Alle.

sie. „Aber ich dulde es nicht, nie und nimmermehr!
Mit diesem Menschen, den ich hasse, den ich kaum zu
seheu vermag, nut diesen: Menschen, der noch kein freund-
liches Wort an mich gerichtet, der nur ausweicht, wenn
ich ihm allein. begegne — der — der! Ich leide es
nimmermehr!"
„Tante, er ist gut und liebt mich wirklich innig,"
bat Ina. „Er sagte, das Glück seines ganzen Lebens
wäre vernichtet, wenn ich nicht die Seinige werde. Konnte
ich ihn unglücklich machen?"
„Ja, ja, er verdient nichts Besseres!" rief die alte
Dann, welche sich in ihrer Erregung bereits nicht mehr
kannte. „Dies sind also die Früchte meiner Ermahnungen
und Warnungen, die ich Dir ertheilt habe! Ich habe
Dir so oft gesagt, daß die Männer alle nichts taugen,
Du hast nicht auf mich gehört. Als Dein Bater ge-
storben war, als Du allein und verlassen dastandest,
nahm ich Dich zu mir, weil ich hoffte, ich werde Dich
zu einen: vernünftigen Mädchen erziehen können, Du
fälltest die Erbin meiner Anschauungen und auch meines
Vermögens werden, und so lohnst Du meine Bemühungen
und guten Absichten! O, diese Undankbarkeit ist uner-
hört! Aber ich dulde nicht, daß Du diesen: Menschen
angehörst. Ich will es nicht!"
„Tante, ich liebe ihn!" warf Ina ein.
Diese Worte erregten die Alte noch mehr.
„Haha! Du liebst diesen abscheulichen Menschen!"
rief sie höhnend. „Ich werde ihn: sagen, welche Liebe
er verdient, ich werde ihn: sagen, daß Du nur einen
Scherz mit ihn: getrieben habest, daß Du nie — nie
die Seinige werden könnest, weil Du Dich überhaupt
nicht verheirathen werdest! Ohne Schonung will ich
ihn: dies sagen, denn er verdient nicht geschont zu
Werden!"
Ina wußte, daß Thekla in ihrer blinden Erbitterung
zu einen: solchen Schritte fähig war. Sie mußte dies
verhindern und fest richtete sie sich empor.
„Du wirst dies nicht sagen, denn ich liebe ihn und
werde die Seinige, wie ich ihn: versprochen habe,"
sprach sie.
Thekla blickte sie ganz erstaunt an, denn mit dieser
Entschiedenheit war das Mädchen ihr nie entgegengetrcten.
„Willst Du mich vielleicht hindern?" fragte sie.
„Ja, ich werde Dich hindern!" fuhr Ina entschlossen
fort, denn sie trat nicht allein für ihr Glück, sondern
auch für das Glück ihres Verlobten ein. „Du kannst
es Gerhard sagen, dann werde ich ihm aber mittheilen,
daß Du ihm nicht die Wahrheit gesagt, daß ich die
Seinige werden wolle und daß Niemand in: Stande sei,
mich zurückzuhalten."
Das Blut wich aus den gelben Wangen der alten
Danie, ihre Augen schlossen sich halb, dennoch funkelten
sie durch die fast geschlossenen Wimpern.
„Du wagst mir zu trotzen?" rief sie und ihre Stimme
bebte.
„Ja. Ich will das, was ich als mein Lebensglück
ansehe, von Niemand vernichten lassen und an: wenigsten
eines blinden Vorurtheils und einer thörichten Laune
wegen!"
„Dann sage ich mich los von Dir!" rief Thekla.
„Dann habe ich nichts mehr mit Dir gemein und Du
wirst nicht einen Thaler von den: erben, was ich Dir
zugedacht habe."
„Ich habe ans nichts gerechnet," erwiederte Ina.
Die Alte schwieg einen Augenblick und schien zu
überlegen.
„Noch Eins will ich Dir sagen!" fuhr sie dann fort.
„Nimmst Du Dein Wort, welches Du den: Meuschen
gegeben hast, nicht zurück, so reise ich heute noch ab, ich
nehme Dich indessen nicht nut mir, mein Haus bleibt
Dir von dieser Stunde an verschlossen, Du magst zu-
sehen, wo Du ein Unterkommen findest!"
Die harten Worte riefen Thränen in Jna's Angen.
„Tante, habe ich ein Unrecht begangen?" rief sie
weinend. „Ich verdiene diese Vorwürfe nicht, denn ich
habe nach meinem Herzen gewählt, bin der festen Ueber-
zcugung, daß ich mit Gerhard glücklich werde, und halte
deshalb an meiner Wahl fest!"
„Sv!" entgegnete Thekla, welche durch die Thränen
ihrer Nichte nicht versöhnlicher und milder gestimmt
wurde. „Auch ich werde an meinem Entschluß festhalten!
Noch einmal richte ich die Frage an Dich, ob Du den
Menschen aufgeben willst?"
Ina kämpfte mit sich.
„Ich kann es nicht," Preßte sie endlich hervor.
„Nun, dann reise ich heute noch ab und wir sind
von dieser Stunde an getrennt!" rief die erbitterte alte
Dame.
Sie wandte sich ab und fing bereits an, ihre Sachen
zusammen zu legen.
Alle Bitten Jna's waren erfolglos, Thekla's Eigen-
sinn war nicht zu besiegen. Die Erbitterte erwiederte
ans die Bitten kein Wort und that, als ob ihre Nichte
gar nicht im Zimmer sei.
Immer allein stehend hatte Thekla ihren Launen
stets nachgegeben und sich nie nach anderen Menschen zu
richten gelernt. Sie hielt ihre Ansicht und ihren Willen
für den allein richtigen, und weil sie wußte, daß sie oft

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verlacht wurde, hielt sie mit nm so größerer Zähigkeit
an ihrem Willen fest. Es war ein Gefühl des Trohes
und Eigensinnes, welches sie den Menschen entgegensetzte,
daß sie sich selbst an: meisten dadurch schadete, sah sie
nicht ein.
Weil sie Vermögen besaß und von demselben unab-
hängig leben konnte, ries sie oft: „ich brauche die Menschen
nicht!" Die Menschen konnten sie freilich auch entbehren.
Als Ina ihre Bitten erfolglos erschöpft hatte, eilte
sic in Berger's Zimmer, in den: sie Berger anwesend
traf. Weinend theilte sie ihm den Eigensinn und Ent-
schluß ihrer Tante und die Ursache desselben mit.
„Ina, Du hast Dich mit Gerhard verlobt?" rief
Berger erfreut, indem er dem Mädchen beide Hände ent-
gegenstreckte. „Eine freudigere Nachricht hättest Du mir
kaum mittheilen können," fuhr er fort. „Sieh, ich habe
Gerhard gerne und bin mit seinem Vater innig befreun-
det. Gerhard hat ein gutes Herz, allein seinem Charakter
fehlt noch die nöthige Festigkeit, durch Dich wird er sie
bekommen, denn die Liebe veredelt, und daß er Dich wirklich
liebt, habe ich bereits seit Tagen bemerkt. Deine Tante
ist eine Thörin, wenn sie dagegen ist, ich glaube jedoch,
daß es nur eine augenblickliche Laune ist. Laß ihr Zeit
und sie wird sich eines Besseren besinnen. Wunderliche
Leute kann man nicht besser strafen und heilen, als wenn
man auf ihre Launen und Thorheiten nicht das geringste
Gewicht legt, läßt man sie ruhig gewähren, so kommen
sie endlich von selbst zur Vernunft!"
„Sie kennen meine Tante nicht," warf Ina ein.
„Hat sic einmal einen Entschluß gefaßt, so ist sie durch
nichts davon abzubringen. Ich habe bereits alle meine
Bitten erschöpft, sie besteht darauf, heute noch abzureisen
und Packt schon ihre Sachen."
Berger schüttelte nut den: Kopfe.
„Ich kann nicht glauben, daß sie die Thorheit so
weit treiben wird," bemerkte er.
„Sie thut es, lieblos hat sie mich von sich fort-
gestoßen. Sie kann Gerhard nicht leiden, deshalb ist
sie dagegen!"
„Ich werde selbst mit Deiner Tante sprechen," fuhr
Berger fort. „Bleibe hier, während ich zu ihr gehe,
ich hoffe sie bald zur Vernunft zu bringen."
Er rief seine Frau, theilte ihr Jna's Verlobung mit
und eilte dann zu Thekla Bremer.
Berger's Gattin hatte über die Verlobung dieselbe
Freude und sie bot Alles auf, um Ina zu beruhigen.
Sie ließ sich erzählen, wann Gerhard ihr seine Liebe ge-
standen hatte.
Berger trat nach einiger Zeit wieder in das Zimmer,
sein Gesicht war geröthet, seine Brauen hatten sich zu-
sammen gezogen, man sah ihn: an, daß er alle Kräfte
ausbot, um eine heftige Erregung zu beherrschen.
Fragend und bange richtete Ina den Blick auf ihn.
„Deine Tante ist närrisch," sprach er endlich. „Alle Zu-
reden und vernünftigen Gründe scheitern an ihren: thörich-
ten Eigensinn. Einen solchen herzlosen Egoismus habe ich
nie kennen gelernt, denn sie haßt Gerhard nur deshalb,
weil er nicht freundlich genug gegen sie gewesen ist, da-
durch hat sich ihre Eitelkeit beleidigt gefühlt. Ich habe
sie gebeten und dann mit ernsten Worten zu überzeugen
gesucht, daß sie thöricht handelt, sie besteht darauf, heute
noch abzureisen, da habe ich ihr endlich, als meine Ge-
duld gänzlich erschöpft war, gesagt, daß ich sie nicht
halten könne und auch nicht halten werde."
„Sie reist allein fort und nimmt mich nicht mit!"
rief Ina weinend.
„Sei ruhig, Kind," sprach Berger, indem er des
Mädchens Hand erfaßte. „Auch wenn sie Dich mit sich
nehmen wollte, so würde ich dies nicht zugeben, denn
einen: solchen kindischen Eigensinne darf ich Dich nicht
überlassen! Sie hat auch mir gesagt, daß Du ihre
Schwelle nicht wieder überschreiten sollest — Du hast
dies gottlob nicht nöthig, mein Haus steht Dir immer
offen, ich will Dich wie meine Tochter ansehen und hal-
ten, und wenn es Dir hier nicht gefällt, dann wird Dich
Gerhards Vater mit voller Liebe aufnehmen, denn er
kann für seinen Sohn kein größeres Glück wünschen, als
Du ihm geben wirst!"
Ina Mrs sich an seine Brust und dankte schluchzend
für seine Liebe.
Thekla Bremer reiste nach wenigen Stunden ab,
ohne von Ina Abschied genommen zu haben, da sie sich
geweigert, dieselbe noch einmal zu sehen. Berger sagte
ihr sehr kurz „Lebewohl", da der kindische Eigensinn der
alten Dame ihn erbittert hatte.
Und Ina wurde schnell über den Zorn ihrer Tante
durch Gerhard getröstet, der jede Thrüne von ihren
Wangen küßte und ihr schwor, daß er sie nie weniger
lieben werde als in dieser Stunde.
Als Ina sich spät an: Abende ans ihr Zimmer be-
gab, war sie noch zu erregt, um schlafen zu können, sie
schrieb deshalb einen langen Brief an Johanna und
theilte der Freundin die ganze Größe ihres Glückes mit,
denn ihr konnte sie Alles anvertrauen.
Glückliche Tage brachen für Ina herein, es war ihr
oft, als ob sie sich in einen: Rausche befinde, denn Ger-
hard und Berger überhäuften sie nut Liebe und Auf-
merksamkeiten. In diesen: Glücke erregte es keine Be-
 
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